• Sie schlüpfte an dem offensichtlichen Vorgesetzten der Wachtruppe vorbei, das nichtssagende Lächeln weiterhin auf den Lippen. Ohne ihre Waffen und auch ohne ihr Reittier fühlte sie sich einen Augenblick verloren, dann atmete sie tief durch und richtete sich gerade auf. Wer an fleischfressende Echsen gewohnt war, würde wohl kein Problem mit einem einzelnen Pferd haben.
    Einige Schritte weiter ins Innere hinein um nicht direkt im Zugang stehen zu bleiben, erlaubte sie sich einen genaueren Blick auf ihre Umgebung. Der Innenhof war geschmackvoll eingerichtet, die langen Banner in den Farben des Gastgeber überaus eindrucksvoll. Ihr gelegentliches Wehen erinnerte sie daran, dass diese Höhle groß genug war, um mehr oder weniger ein eigenes Wetter zu haben, zumindest wenn sie Micarrysn korrekt verstanden hatte während des Aufenthaltes in der Wolfsmark.
    Ihr Blick in die Runde zeigte ihr einige bekannte Gesichter, die meisten bereits in Gespräche verwickelt. Sie erkannte Nathae, die gleich mit einem ganzen Pulk von Gästen sprach, Micarrysn als Protektor weiter abseits. Sie hatte nichts anderes erwartet, auch wenn sie den Zauberwirker nur auf den zweiten Blick erkannte. Jeder trug offenbar seine besten Kleider zur Schau, trotzdem entdeckte sie keine weiteren Mitglieder des ihr bekannten Oberflächenkommandos des Qu'ellar Amfei'n. Wahrscheinlich waren sie an unterschiedlichen Orten mit Vorbereitungen eingespannt.

    "Wenn eine Rede erst einmal aufgeschrieben wird, geht sie überall herum, auf gleiche Weise bei denjenigen, die sie verstehen, wie auch bei denen, die nichts damit zu tun haben, und sie versteht nicht, wie sie die einen ansprechen soll, die anderen nicht."

    (Sokrates, Phaidros 275e)

  • "Gewiss." Chez'ahe schenkte Nathae ein schmales Lächeln. "Ich wäre höchst erfreut die Bekanntschaft der malla Yathallar machen zu dürfen."
    Sie nickte der Dienerin namens Naell knapp zu, welche sich sogleich daran machte den Trupp rasch in den Gästetrackt des Anwesens zu führen. Die Val'Sharess wies ihre Magier an die Gastgeschenke bei den übrigen Mitbringseln der anderen Gäste zu lagern und folgte dann mit ihrem kleinen Trupp Naell, die ihnen den Weg wies.

    Der Gästetrakt bot ausreichend Räumlichkeiten, damit sie die Spuren der längeren Reise beseitigen konnten. Die Hausvorständin hatte sich eines ihrer Kleider mitbringen lassen, die sie auf den Festivitäten Ched Nasads trug. In diesem Falle ein anthrazitfarbenes, bodenlanges Kleid, schmal geschnitten, das sich fließend ihren Körper hinabergoss und in einer kurzen Schleppe endete. Der leichte Stoff war senkrecht aufstrebend von silbernen Fäden durchzogen, die eine dezent gestromte Optik erzeugten. Die Ärmel waren weit geschnitten und reichten über Hüftlänge. Ein schlichter Gürtel aus einer Anreihung dünner Mithril-Teller, abgesetzt mit runden, aufpolierten Amethysten rundete das Gesamtbild ab. Die Drow ließ sich von der Bediensteten die offenen Haare richten und mit ihrem Diadem aus dem Gesicht halten. Zwei feingliedrige Ketten zierten ihren Hals, als sie sich von Naell in den Saal führen ließ in dem sich schon ein Großteil der Gäste tummelte.
    "Sollte die malla Yathallar nach mir verlangen, ich gehe davon aus, dass sie heute schwer beschäftigt sein wird, sei doch so gut und führe mich zu ihr."
    Chez'ahe erlaubte den Angehörigen ihres Trupps sich auf eigene Faust unter die Gäste zu mischen, aber in der Nähe zu bleiben. Außer ihren beiden Leibwachen, die sich trotz des erlaubten Freiganges nicht weiter als drei Schritte entfernten verblieb sie mit Naell ein wenig abseits der Massen und ließ den Blick wieder über die Anwesenden schweifen. Vielleicht sollte sie mit Micarrysn das Gespräch suchen, bis die malla Yathallar des Hauses Amfei'n etwas ihrer Zeit erübrigen konnte. Sie glaubte, dass der Protektor Sel'Velkyns sicherlich mit am besten über den voranschreitenden Aufbau des neuen Protektorates Bescheid wusste.
    Die Drow entdeckte bei ihrer Suche nach dem Magier über die Menge der Gäste hinweg eine unnatürliche Bewegung unter den zum Großteil aus Ilythiiri bestehenden Anwesenden. Die Bewegung hatte etwas Abweisendes an sich. Unterschwellige Unruhe, die sich langsam und punktuell durch den gefüllten Saal schob. Chez'ahe erkannte auch bald den Grund dafür. Aïsala, scheinbar erst vor Kurzem eingetroffen. Wahrscheinlich hielten die Meisten sie für eine Darthiiri. Die Hausvorständin grinste ein wenig in sich hinein, als sie daran dachte wie empört und wenig amüsiert die Albe reagiert hatte, als man sie auf der Taverne "Zum letzten Meilenstein" für eine Oberflächenelfe gehalten hatte. Ein wenig unschlüssig darüber, ob sie nun ein Gespräch suchen sollte, oder lieber erst einmal das bunte Treiben beobachten wollte blieb sie zunächst an Ort und Stelle und suchte Augenkontakt zu einer Person, die sie kannte.

  • Zu einer späteren Stunde, kurz nach Anbruch der Dunkelheit etwa, erreichte eine weitere kleinere Gruppe, bestehend aus vielleicht 5 oder 6 Personen, den Eingang zum Underdark unter Selfiran. Zwei von Ihnen ritten auf pferdeähnlichen Wesen mit unzähligen Pusteln auf der Haut und grünlich-gelben Flecken im Fell. Der Rest trottete teils vor, teils nach den beiden in die Höhlen Sel'Velkyns.


    Ardon schien guter Dinge, als sie die Oberfläche hinter sich ließen und in die kühlen Tiefen hinabstiegen.

  • Die Pferde schritten unbekümmert von den kalten Steinwänden und der erdrückenden Dunkelheit weiter den Weg hinunter. Schweigend brachten sie einen Großteil des Weges hinter sich, die Fußläufigen trauten sich vermutlich nicht, die Stimmen zu erheben und die kleinere Gestalt neben Ardon war zu abgelenkt von der bearbeiteten Naturgewalt, als dass sie ein größeres Interesse an einem Gespräch hatte. Sie kannte die vertäfelten Gänge zu den Bibliotheken, knirschend und staubtrocken; die kalten Stollen hinunter zu den Laboratorien, in denen sich immer ein seltsam beißender Geruch auf die Atemwege legte; und die modrigen Schächte zu den Verliesen und den Schlafkammern der Kultisten aber so einen Anblick wie in Sel'Velkyn hatte sie noch nicht zu Gesicht bekommen.


    Nach einigen Minuten riss sich die Hexe von ihrer Umgebung los und drehte sich leicht zu ihrem Begleiter um. Neugierde und leichtes Misstrauen spiegelten sich in ihren Augen wieder, als sie die Stille zwischen ihnen brach.

    „Und? Was ist …. Unser genaueres Anliegen hier? Ich halte die vage Erwähnung von einem Fest verbunden mit meiner Begleitung auf dieser doch etwas ungenau. Ich würde gerne mehr darüber erfahren bevor wir unser Ziel erreichen.“

  • Ebenso wachsam wie interessiert betrachtete auch Ardon die sonst verborgene Welt, in die sie hinabstiegen. Zwar hatte er bereits die Eingänge in den Underdark unter Vhérlok Barathék gesehen, wäre jedoch nie auf die Idee gekommen sich dort hinunterzubegeben. Lange Zeit genoss er die Stille, hörte auf den Hufschlag, der nach einiger Zeit von den weit entfernten Wänden widerhallte und das Atmen und Schlurfen ihrer Begleiter. Von Zeit zu Zeit warf er einen prüfenden Blick nach hinten und überprüfte die Befestigung des Schwerts, dass während ihrer Reise auf das Pferd gebunden war.


    Als seine Begleiterin die Stille durchbrach, wartete er bis sie fertig geredet hatte und ließ einige Momente verstreichen, ehe er ihr antwortete.

    "Du wirst dir hoffentlich denken können, was wir hier unten besuchen werden. Der Grund dafür ist ein Fest zur Protektoratsgründung, zum Austausch und so weiter."

    Er dreht sich zu ihr um und rollt dabei kurz mit den Augen.


    "Sicher ist es nicht notwendig hier wegen des Fests aufzutauchen. Ein Vorwand um herauszufinden mit wem sie zusammenarbeiten wollen - oder müssen."

    Er schien der Frage nach der Wahl seiner Begleitung keine weitere Beachtung zu schenken.