ein (vorläufiger) Abschied

  • wann: im Herbst
    wer: Kaiserländer und Exilanten


    Obwoh die kaiserlichen Schiffe seit dem Sommerfeldzug permanent im hafen lagen, nahm die Geschäftigkeit an Bord immer mehr zu. Ein Teil der Seeleute bezog wieder an Bord Quartier und die lasten der Schiffe wurden aufgefüllt. Beide Schiffe namen sogar Ersatzgeholz für die takelage an Bord, was die Gerüchte über die bevorstehende Abreise der Kaiserländer zu bestätigen schien.
    Die treffen im Grünen Graben wurden seltener, der Papierverbrauch nahm zu und nahezu täglich wurden Hefte und Rollen in die Werft oder die Bibliothek gebracht.


    Timeon hatte ein paar Leute, die sonst nur im Rothhorn herumhingen, in der Herstellung von Pfeiffenkraut und den dazu passenden Pfeiffen unterwiesen, was für eine Abreise noch im Herbst nahelegte, bevor die Blätter der Buchen die typische rote Herbstfärbung annahmen und sich zu Rauchkraut fermentieren liessen.
    Karl erzählte weniger über böhmische Brau- und Backkunst und mehr über Schiffbau und Materialkunde, ausserdem beschaffte er neues Werkzeug und Kram, den eine Schiffszimmerei benötigt.
    Othgar fertigte deteillierte Seekarten der von ihm bereisten Gewässer an.
    Inuk hatte auf dem markt eine grössere Menge Buntmetall erworben und sich bei einem Goldschmied eingemietet, wo er permanent an neuen nautischen Instrumenten arbeitete.
    Wilric war ständig in Eile, meist mit Stapen von Büchern, Schriftrollen, Briefen und anderem beladen, scheinbar koordinierte er die Auslaufvorbereitungen.
    Bruder Ignatz war nach Selfiran aufgebrochen um Heilmittel einzukaufen und wurde sehnsüchtig zurückerwartet.
    Antoninos und Vallas hingegen verbrachten die meiste Zeit in der Grossen Halle, in Gesprächen mit den Offiziellen Exilias, ihren Offizieren voll vertrauend.
    Blieben noch Randokar und Heinrich. Diese beiden waren, im Gegensatz zu der Geschäftigkeit der Seeleute, die Ruhe selbst. Tobi war als Knappe in Randokars Dienst getreten, Gerüchten zu Folge soll er mit dem Hause Korthany verwandt sein, manche wollen gar gehört haben, er wäre Randokars illegitimer Sohn. Der Reichsritter und der Freigraf jedenfalls waren mit der Ausbildung Tobis beschäftigt, als befänden sie sich am Hofe der Kaiserstadt und als wäre von Reisevorbereitungen nichts zu spüren.

  • Die Unruhe übertrug sich auf die exilianische Bevölkerung und schnell verbreitete sich das Gerücht, zum bevorstehenden Abschied der Kaiserländer werde es -mal wieder- ein großes Fest geben.
    Kurz darauf verkündete der Protektor, dass dies keinesfalls ein Gerücht bleiben solle und zuträfe, was in den Straßen der Stadt schon vielfach als Vermutung geäußert wurde. Die Kaiserländer würden nur noch eine kurze Zeitspanne in Exilia verbleiben, doch gedenke er den inzwischen mehrjährigen Gästen einen würdigen Abschied zu bereiten und ein Festmahl auszurichten, das Exilias würdig war. Bei fast allen Exilanten war jegliche zunächst aufkeimende Trauer sofort verflogen: Feste und zugehörige -mähler liebten sie und es konnte ihrer nie zu viele geben.
    „Vielleicht könnte man daraus auch einen Feiertag machen?“, fragte Garmsch’, der wie so oft am Tor der Großen Halle stand, während er sich leicht gedankenverloren über den Bauch strich. Sein Freund Harrik, der erst eine spätere Schicht übernehmen würde, hatte sich während der kurzen Ansprache zu ihm gesellt und antwortete, mit leichtem Bedauern in der Stimme: „Ein Feiertag für einen solchen Anlass? Das glaub ich kaum. Aber ein Festmahl- das ist großartig! Am Valentinstag musste ich Patrouille gehen. Eigentlich sollte ich dann doch diesmal so eingeteilt werden, dass ich mitfeiern kann, oder? Ich spreche mal mit dem Hauptmann… und lege für dich auch ein gutes Wort ein!“ Ein breites Grinsen breitete sich auf Garmsch’s Gesicht aus.


    Wenige Tage später war der Abend des Festmahls gekommen. Von außen war die Große Halle durch große Feuer beleuchtet, die im inneren Hof der ehemaligen Befestigung und beidseits der großen Treppe entfacht worden waren und jenen, welche der Menge im Inneren für eine kurze Zeit zu entkommen suchten, selbst die nächtlichen Temperaturen auf dem windumtosten Plateau erträglich machten. In der Großen Halle hatte man eine Vielzahl festlich geschmückter Tische und Bänke aufgestellt, die durch eine unzählige Kerzen erhellt wurden. Die Vorhänge der Kaminnischen waren sämtlich zurückgezogen worden und noch mehr Banner als sonst zierten die Wände. In der Mitte der Halle hatte man unter der großen Kuppel eine weite Fläche für Tänze und Akrobaten freigelassen, in unmittelbarer Nähe dazu war ein kleines Podest errichtet worden, auf dem sich einige Muskier positioniert hatten. Als die Feuer entzündet und die Tore der Halle geöffnet wurden, strömte viel Volk in das Herz Exilias, besetzte jeden freien Platz an den Tischen, drängte sich auf den Balkonen und musste sich teilweise mit einem Platz auf den Treppen begnügen- was aber kaum jemanden zu stören schien: jeder Exilant, den seine Pflichten nicht zu sehr banden, hatte sich eingefunden, sogar einige Exilanten aus Silvarode waren unter ihnen und auch einige Siedler aus Avis Liberis, die sich der Anziehungskraft dieses Ereignisses weder entziehen konnten, noch wollten, waren unter den Feiernden. Den Besatzungen der BEREMON und der PHOENIX waren zwei lange Tische in der Nähe des Podests am Kopfende der Halle reserviert worden, doch im Laufe des Abends mischte sich die Gesellschaft zunehmend, waren sie doch inzwischen alles andere als Fremde, viele Exilanten hatten gute Bekanntschaft mit ihnen gemacht und nicht wenige zählten einen Kaiserländer zu ihren guten Freunden.
    Der Hohe Tisch war für diesen Anlass verlängert worden, sodass neben den Würdenträgern Exilias (selbst Theodor Gräfalk war erschienen und von vielen Exilanten herzlich begrüßt worden) und den Zunftmeistern auch für Heinrich Rotmantel, Randokar Körthany, Vallas von Hunoldshove, Timeon und Antoninos Stühle aufgestellt werden konnten.


    Zu Beginn des Festes hielt der Protektor eine Rede, in der er kurz die Ereignisse seit dem Erscheinen des Wracks der BEREMON umriss. Er hob die wertvollen Erkenntnisse hervor, die die Exilanten von den Kaiserländern gelernt hatten und insbesondere den Fortschritt, den sie auf dem Gebiet der Schiffsbaukunst ermöglicht, die Freundschaft, die sie den Exilanten in der Zeit der Trauer um Valentin aus Exilia erwiesen und den Dienst den sie durch die Begleitung der „Siegberts Gabe“ auf der ersten Strecke ihrer gefährlichen Mission geleistet hatten. Er dankte den Exilanten, für die offene Gastfreundschaft, die sie den Kaiserländern über eine so lange Zeit entgegengebracht hatten und gab etwas bekannt: seit der baldige Aufbruch der Kaiserländer bekannt geworden war, war eine kleine Handvoll Exilanten in seinen Amtsräumen erschienen und hatte mit einem besonderen Wunsch um eine Audienz gebeten. Obwohl jeder einzelne seine tiefe Verbundenheit zu Exilia betont hatte (einem von ihnen hatte Galwine das nicht so recht glauben können, aber nichts dagegen gesagt und auch jetzt enthielt er sich einer entsprechenden Bemerkung), baten sie um die Erlaubnis, ihre Heimat verlassen zu dürfen, um mit den Kaiserländern zu segeln. Nicht die Suche nach einer neuen Heimat trieb sie, sondern Liebe, die sie gefunden hatten, oder das Verlangen nach einem neuen Abenteuer. Zwar schmerzte Galwine der Verlust dieser Exilanten, doch fand er auch Gefallen an dem Gedanken, Exilanten in den Kaiserlanden zu wissen und so potentielle Bande zukünftig verstärken zu können. Zwar hatte er sie nicht von ihrem Schwur entbunden, der, solange sie sich außerhalb Mythodeas befanden, ohnehin kaum von Bedeutung war, doch weitgehend aus ihren Verpflichtungen gegenüber Exilia entbunden und ihnen versprochen, für sie die Kapitäne der Kaiserländer um Mitnahme zu bitten. Dies tat er nun, während sich die Exilanten, für die er bat, vor dem Podest versammelten.

    „Wenn Ihr es genau nehmen wollt: Man spricht es [ˈgal.vɪn]. Das e am Ende ist stumm.“

  • Irgendjemandem war es gelungen, drei goldgelbe, flauschige Federn zu beschaffen, und diese trug Vallas nun am Hut. In der kaiserlichen Flotte wird so ein Commodore, ein Kapitän, der einen Verband von mindestens zwei Schiffen führt, gekennzeichnet.
    "Wir haben das bereits besprochen, es spricht nichts dagegen" sagte Vallas zu Galwine. An die Exilanten, die mit in die Kaiserlande segeln wollten, gewandt sagte er: "Und Euch ein herzliches Wilkommen. Vor uns liegt eine lange und nicht ungefährliche Reise, aber wir werden sie bestehen. Wir werden nicht auf dem Weg zurückkehren, auf dem wir hier her gelangt sind, sondern uns einer Flottille des Handelshauses deGoa anschliessen und mit diesen in die Mittellande segeln, von dortaus, hoffentlich in Begleitung von Schiffen der Hausgilde dann zu den Schicksalsinseln und weiter in die Kaiserlande. Wir werden erst im späten Herbst dort eintreffen, uns auf dem letzten Stück möglicherweise bereits durch Eis kämpfen müssen, aber dieser Weg, wennglech länger, ist einfacher und ungefährlicher als das unberechenbare Wetterchaos, das meobes Strudel umgiebt. Bereitet Euch also angemessen vor!"
    Heinrich Rotmantel erbat darauf das Wort und erhob sich nachdem es ihm erteilt worden war, begann aber nicht zu Sprechen, sondern ging auf den Protektor zu und reichte diesem eine Lederrolle.
    "Diese Rolle enthält diverse Schriftstücke, darunter diplomatische Urkunden, die ich mit dem Kaiserlichen Siegel versehen habe. Diese ermöglichen diplomatische Beziehungen mit den kaiserlanden und empfehlen Exilia als Siedlungsort für auswanderungswillige Kaiserländer. Es liegt an Euch, Protektor Galwine, ob und inwieweit Ihr davon Gebrauch machen wollt." Dann wandte er sich der Grossen Halle zu: "Bürger Exilias, Siedler, Gäste, Ich danke Euch, auch im Namen der Besatzungen der BEREMON und der PHOENIX für Eure Gastfreundschaft. Wir verlassen Exilia mit einem lachenden und einem weinenden Auge, zum Einen froh, in unsere Heimat zurückkehren zu können, zum anderen traurig, diese schöne Stadt und ihre Bewohner verlassen zu müssen. Mögen die Götter und die Elemente uns auf unserer reise gnädig sein und mögen sie Exilia behüten und gedeihen lassen." dann nahm er den Weinpokal und erhob ihn "Darauf ein Vivat!"

  • Vivat!“ scholl es ihm vielstimmig und gut gelaunt entgegen. Anschließend ergriff Galwine wieder das Wort: „Ich danke Euch, Freigraf Heinrich. Ich hätte es wohl kaum besser ausdrücken können. Gut Brot allen, die sich auf diese Reise wagen! Und lasst mich hinzufügen, dass ich mich über jeden einzelnen von euch freuen werde, den sein Weg eines Tages wieder in diese wunderschöne Stadt führt!“ Mit einer winzigen Pause, die er nutzte, sich ein wenig mehr den versammelten Bürgern zuzuwenden, setzte er hinzu: „Exilia…“ „PREIS UND EHR!“
    Die Große Halle schien unter dem Druck der angespannten Erwartung, Begeisterung und Vorfreude der weit über zweitausend Versammelten zu erzittern, als sie sich mit diesem Ruf endlich Luft verschaffen durften.
    Als er verklungen und sich eine noch erwartungsfrohere Stille über die Große Halle gelegt hatte, sagte Galwine: „Ich glaube, nun ist es Zeit für eine kleine Stärkung! Lasst es euch schmecken!“
    Während sich Galwine wieder auf seinen Platz begab, begannen die Musiker auf dem Podest in der Mitte der Halle zu spielen und es erhob sich das Stimmengewirr, das man bei einer solch großen, ausgelassenen Menschenmenge in Erwartung eines Festes mit dazugehörigem Mal erwarten durfte.
    Die Luft war mit einem Mal erfüllt von dem starken und betörenden Duft bester exilianischer Speisen und kurz darauf erschienen in den Seitengängen Mägde, Knechte und Mundschenke mit den Armen voller schwerer Krüge und - was noch wichtiger war- mit Speisen beladener Schüsseln und Platten. Eine Delegation steuerte sofort den hohen Tisch an, um den ersten Gang zu servieren, doch die übrigen durchwanderten systematisch die Halle und verteilten was sie trugen an alle und füllten und schenkten jeder und jedem so oft nach, wie er oder sie nur wollte.
    Jeder im Saal konnte sich gütlich tun an Köstlichkeiten wie Tuhnfisch-Soufflé, gegrillter Makrele, pochiertem Lachs in Schaumwein, filetiertem Hering auf geröstetem Ambossbrot, Aalpasteten, Rotbarsch im Speckmantel, Kabeljau in Salzkruste, gebratener Scholle mit Krabben, Hechtsuppe, frittierten Miesmuscheln, gebratenen Jakobsmuscheln, Kartoffel-Pilz-Rahm-Bouillon, Erbsensuppe mit Rothohren, Rothbraten mit Zwiebeln, Roth, Hirsch und Kaninchen am Spieß, Wildschein-Haxe auf Rosmarinbett, Rothkotelett im Teigmantel, Hirsch-Kürbis-Küchlein, Rothfuß-Tarte, Auerhahn mit Zwetschgen, in Schmalz gebratenen Schnepfen, gestopftem Kapaun, gefüllten Tauben, geschmorten Scherenschnäbeln, Hochofenbrot mit Rothsülze, Käse verschiedenster Art mit Spieß-, Schlaufen und Kugelbrot, in Öl gebackenem Flachbrot, allerlei Süßbrot, Quittenkuchen mit Sahnehauben, kandierten Kirschen, karamellisierten, gerösteten Nüssen, Honig-Waldbeerenmousse, Apfel-Preiselbeerparfaits und vielerlei mehr.


    Deutlich später war der Großteil der Exilanten gesättigt - nicht wenige hielt das nicht davon ab, sich ihre Teller und Schüsseln weiterhin reichlich füllen zu lassen und sich dieser neuen Aufgabe voller Inbrunst zu widmen- und hatte seine Aufmerksamkeit nun ganz auf die Musikanten und Tanzenden in der Hallenmitte gerichtet und auch in den Köpfen jener, die am Hohen Tisch saßen, war inzwischen wieder Platz für Überlegungen und Gedanken, die über diesen Abend hinausgingen. Lucanica Avia Inproelio hatte sich einen Hocker genommen und ihn neben Theodor Gräfalks Stuhl gestellt. Über einem Becher Wein schien sie ihm von ihren Erlebnissen und Erfahrungen während des Krieges mit dem Schwarzen Eis zu erzählen, während er ihr aufmerksam zuhörte, bisweilen nachfragte und offenbar seine Einschätzungen kundtat. Es schien ein ernstes Gespräch zu sein. Direkt neben den beiden bildeten Zirombil Balthâsar und Gerd Zuckerbohne ein völlig gegensätzliches Bild: der hagere und ergraute Zunftmeister der Forschenden Zünfte hatte einige Mühe, sich der fürsorglichen Zuwendung des inzwischen vom Wein beflügelten Müllers zu erwehren, schien der Zunftmeister der Ernährenden Zünfte doch nicht von dem Versuch abzuringen zu sein, ihm einen weiteren Löffel Roth-Grieben-Suppe oder ein Stück Schmiedebrot aufzunötigen. Lächelnd wandte sich Galwine der anderen Seite zu- absichtlich nicht weiter beachtend, dass er dabei Zeuge wurde, wie sich Hetzbold van Grimmich bemühte, die Aufmerksamkeit Vallas’ zu erlangen, und sprach Heinrich an:
    „Heinrich, ich möchte diese vermutlich bis auf weiteres letzte Gelegenheit nutzen, Euch etwas zu Euren Erlebnissen während der Begleitfahrt der Siegberts Gabe, respektive auf der Rückkehr von dieser Fahrt zu fragen. Es ist doch richtig, dass die BEREMON den Hafen von Ozam Har’ol angelaufen hat, oder?“

    „Wenn Ihr es genau nehmen wollt: Man spricht es [ˈgal.vɪn]. Das e am Ende ist stumm.“

  • "Das ist richtig. Ich kann allerdings nur für die Hinfahrt sprechen, da ich da in Ozam Har'ol von Bord gegangen und auf dem Landweg nach Exilia zurückgekehrt bin. Was die weiteren Deteils der reise angeht, so ist Vallas da der richtige Ansprechpartner." Antwortete Heinrich.
    Vallas sah, als er seinen Namen hörte, sofort herüber "Worum geht's?"

  • „Mich interessieren Details Eures Aufenthaltes in Ozam Har’ol“, erklärte Galwine. „Ihr seid auf dem Landweg nach Exilia zurückgekehrt?“, fuhr er dann in Richtung Heinrichs fort. „Nun, möglicherweise habt Ihr dann sogar mehr Gelegenheit gehabt, zu erfahren, was mich nun interessiert. Euch dürften die Anstrengungen, die wir seit einiger Zeit vor den Mauern dieser Stadt unternehmen, kaum entgangen sein. Die Planung und Vorbereitungen dieses Projekts haben bereits vor langer Zeit begonnen und ich bin froh und stolz, dass man nun nach so kurzer Bauzeit bereits sehen kann, wie gewaltig der Graben sein wird, der die Stadt umlaufen wird, wenn Ihr irgendwann hierher zurückkehrt. Schon jetzt sind unsere Verteidigungsanlagen außerordentlich gut. Wir brauchen den Vergleich mit den meisten Städten und Festungen des nördlichen Siegels nicht zu scheuen und könnten einer Belagerung vermutlich nahezu unbegrenzt standhalten. Doch leben wir auf einem gefährlichen Kontinent - der Krieg mit dem Schwarzen Eis hat dies unlängst wieder gezeigt- und jeder Sicherheit ist trügerisch, wenn man nicht beständig daran arbeitet, sie zu verbessern.
    Wir haben die deckenden Erdschichten abgetragen und brechen nun das massive Gestein, das darunter liegt. Euch ist die Problematik des herkömmlichen Schwarzpulvers auf Mitraspera bewusst und vermutlich ist euch auch zu Ohren gekommen, welchen anderen Weg wir erprobt haben, um die Arbeit zu beschleunigen, denn beschleunigt werden muss sie, soll sie nicht erst von unseren Enkeln vollendet werden: Die Mitrasperanische Hanse hat im Herbst eine Ladung Schweinefett geliefert, das wir mit befriedigendem Erfolg als Sprengmittel einsetzen konnten. Der Graben ist inzwischen vier Meter tief. Und doch ist dies ein sehr aufwendiges, anstrengendes und störanfälliges Verfahren.
    Nun wurden mir Gerüchte zugetragen, in Ozah Har’ol arbeite man mit sogenannten „Sappeurladungen“. Offenbar handelt es sich dabei um eindeutig effektivere Sprengmittel.
    Ist Euch während Eures Aufenthaltes dort derartiges zu Ohren gekommen?“

    „Wenn Ihr es genau nehmen wollt: Man spricht es [ˈgal.vɪn]. Das e am Ende ist stumm.“

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  • "Es tut mir Leid, aber auf dererlei Dinge habe ich nicht geachtet. Ich kann Euch allerdings an Timeon verweisen, der obwohl Schiffsingenieur, doch auch einiges über das Sprengen von Felsen wissen dürfte."
    Timeon, der das gehört hatte kam sogleich näher heran "Hoher Protektor, verzeiht, ich habe meinen Namen gehört?"
    Nachdem die Fragestellung wiederholt worden war, erklärte Timeon: "Das beste Sprengmittel zur Zermürbung von Stein ist übrigens völlig ungefährlich, es ist schlichtweg Wasser. Wasser dehnt sich aus, wenn es gefriert. Man muss nur dort, wo man das Gestein teilen will, Löcher bohren und diese mit Wasser füllen, das tut man am besten im Winter, wenn es kalt ist. Man kann die Löcher noch mit Pfropfen aus Holz verschliessen. gefriert das Wasser zu Eis, dehnt es sich aus und drückt das Gestein auseinander. Eine andere Methode, die vor allem im Sommer gut funktioniert, geht folgendermassen: Man erhitzt das Gestein mit Feuer und kühlt es dann schlagartig mit Wasser ab. das heisse gestein wird dabei abgeschreckt und bekommt Risse und sprünge, die es einfacher machen, es dann mit Hacken und Meisseln abzutragen."
    "Was die sappeurladungen angeht" setzte Heinrich nach, "werde ich sofort bei meiner Ankunft in den kaiserlanden Erkundigungen einziehen und die Rezeptur, so ich eine finde, per Brief an Euch und den Cubitor Duronius übermitteln."

  • "Ich danke Euch Timeon, die Technik des Erhitzens haben wir bereits mit immerhin zurfriedenstellendem Ergebnis angewendet. Ob dabei auch Wasser zur anschließenden Abkühlung eingesetzt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis, aber ich werde mich im Laufe des Abends mit Thogrimm Himmelszorn darüber unterhalten und ihn eventuell beauftragen, Euch in dieser Frage noch einmal zu Rate zu ziehen."
    Die Enttäuschung, die er angesichts der fehlenden Bestätigung der Gerüchte aus Ozam Har'ol möglicherweise empfand, war Galwine nicht anzumerken. Er hätte ohnehin einen Boten in das Protektorat entsand und würde auf diese Weise die Informationen erhalten, die er wünschte.
    "Und auch Euch danke ich," wandte er sich nun an Heinrich, "Ihr erwieset Exilia damit möglicherweise einen großen Dienst." Auch wenn diese Rezeptur erst im übernächsten Winter in Exilia eintreffen sollte und natürlich niemand voraussagen konnte, wie gut sie hier funktionieren würde, konnte es doch sein, dass sie letztlich einen entscheidenden Fortschritt bedeutete. Man durfte nichts unversucht lassen.
    Für Galwine war dieses Thema damit erledigt, die Kaiserländer schienen ihm in dieser Hinsicht bereits mit ihrem gesamten Wissen unterstützt zu haben und so lenkte er das Gespräch auf andere Bahnen, erkundigte sich nach Details ihres Aufenthaltes und zeigte sich interessiert an der genauen Planung ihrer bevorstehenden Reise.
    Schließlich sagte er: "Darf ich Euch fragen, Heinrich, weshalb Ihr von Ozam Har'ol auf dem Landweg nach Exilia zurückgekehrt seid? Das ist keine kurze Reise und mit dem Schiff wäret ihr zweifellos schneller gewesen, zumal zu dieser Zeit der Krieg mit dem schwarzen Eis besonders heftig wütete und keiner die Sicherheit der Straßen vollständig gewährleisten konnte."

    „Wenn Ihr es genau nehmen wollt: Man spricht es [ˈgal.vɪn]. Das e am Ende ist stumm.“

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  • "Nun, das hatte mehrere Gründe. Zunächst wollte ich mir dieses Land mal auf eigene Faust ansehen, ohne angekündigt worden zu sein und ohne dass man mich gleich zuordnen kann, so erfährt man meist mehr. Dann ging es mir auch darum, meine Aufzeichnungen über die hiesige Flora, insbesondere die Heilpflanzen, zu erweitern sowie Tests mit unserem kaiserlichen Schiesspulver und gewöhnlichem Schwarzpulver zu machen, Die Aufzeichnungen hatte ich Euch ja bereits zukommen lassen. Nun ja, ausserdem suchte ich schlicht ein wenig 'Einsamkeit', abseits der bekannten Wege. Nicht zuletzt spielte auch Tobi dabei eine Rolle, der mir, wie ich ja schon berichtet hatte, in Ozam Har'ol zugelaufen war." antwortete Heinrich.
    "und auch wenn ich nur Tobi als begleitung hatte, war ich doch durchaus nicht wehrlos. Randokar wird Euch bestätigen, dass ich auch ganz passabel mit dem Schwert umzugehen vermag, womit wir schon beim letzten Grund meiner landreise wären: Ich bin im Besitz eines besonderen Schwertes, das den Namen AMARAGRATA trägt, das bedeutet so viel wie 'Bittere Gnade'. Dieses Schwert ist bereits bei seiner Herrstellung mit Magie verzaubert und priesterlich geweiht worden, was der Klinge besondere Eigenschaften verleiht. Ich wollte testen, ob und inwieweit diese Eigenschaften auch hier in Mithraspera Wirkung zeigen, was ich aus naheliegenden Gründen nicht in der Stadt tun kann. Wie erwartet hielten sich die direkten Effekte in sehr überschaubaren Grenzen."

  • Das Gespräch an diesem Abend kam noch auf das eine oder andere Thema, zu späterer Stunde liess Heinrich es sich nicht nehmen, sogar ein paar Lieder zum Besten zu geben.
    Es wurde im Osten bereits wieder hell, als die letzten Kaiserländer die Grosse Halle richtung ihrer Unterkünfte verliessen, einige Exilanten hingegen feierten noch immer.


    Am darauffolgenden Tag versammelte sich eine grosse Menschenmenge im Hafen und auch die Promenade der Unsterblichen und die Seeterrase waren voller Menschen, als beide kaiserlichen Schiffe auf das offene Meer hinaus fuhren. Ausserhalb der Klippen waren mehrere Segel zu erkennen, Handelsschiffe Silvio de Goas, denen sich die kaiserlichen Schiffe anschliessen würden, bevor sie sich zu den Handelsschiffen gesellten, stoppten jedoch beide Schiffe noch einmal. Drei Salutschüsse hiessen Exilia Abschied, als auf der BEREMON und der PHOENIX die grüne Flagge mit der Schildkröte Exilias eingeholt und die goldgelbe mit dem doppelköpfigen kaiserlichen Adler aufgezogen wurde.
    Viele Exilanten schauten noch aufs Meer, als die Segel längst hinter dem Horizont verschwunden waren.