Beiträge von Galwine

    Ah, "Malaka`Re"! Sie waren wieder auf dieses Thema gekommen. Und eigentlich wunderte es Galwine nicht. Naira hatte, wenigstens glaubte er, das so verstanden zu haben, viele herbe Enttäuschungen erlebt und große Teile der Enttäuschung, die sie selbst permanent mit sich herumzutragen schien, hingen mit mangelnder Anerkennung ihrer Leistungen zusammen. Er bedauerte sie dafür aufrichtig. Mehr als ihr immer wieder zuzuhören und Verständnis zu zeigen, konnte er jedoch bisher nicht tun.

    Auch bezweifelte er, dass sie etwas mit den exilianischen Ehrenrängen anfangen konnte oder von der Idee zu überzeugen war. Lag es an ihrer elbischen Natur, dass sie ihm immer wieder- vielleicht auch unfreiwillig- das Gefühl vermittelte, nicht zu genügen? Andererseits: Wenn sie die Gesellschaft von Menschen grundsätzlich meiden wollte, könnte sie genügend Möglichkeiten finden. Wiederum: Ihr Leben an der Oberfläche zu opfern, um Malaka`Re zu werden, wäre so eine Möglichkeit gewesen.

    Es blieb bei Rätseln. Vielleicht reizten ihn diese Herausforderungen auch so am Umgang mit Naira.


    Schließlich erklärte er:

    "Um Missverständnissen vorzubeugen: Den Rang eines Cubitors oder Patrons bekommen Exilanten für große und sehr große Leistungen zu Gunsten der Gemeinschaft verliehen. Dass man sich selbst dabei in irgendeiner Weise aufopfert, ist weder Voraussetzung noch Garantie dafür.

    Wenn Du eine Exilantin wärst und den Rang eines Cubitors verliehen bekommen hättest, so würdest Du bei öffentlichen Festen an meinem Tisch sitzen und Dir würde stets vor jedem gewöhnlichen Exilanten das Brot gereicht werden. Du würdest eine luxuriöse Wohnung im Prinzipal beziehen und jeder Exilant würde Dir stets Platz machen, sei es durch Rücksicht auf der Straße oder indem er Dir seinen Sitzplatz anbieten würde. Außerdem würdest Du mit dem Titel angesprochen werden und all das würde ständig daran erinnern, dass Du etwas besonderes für die Gemeinschaft geleistet hast. Es liegt in der Natur der Sache, dass damit auch eine gewisse Verpflichtung einhergeht, dem Vorbildcharakter, den Du für die Exilanten bekommen würdest, auch zukünftig zu entsprechen. Es ist bisher nicht vorgekommen, aber es ist denkbar, diesen Ehrentitel auch wieder entzogen zu bekommen"


    Auf Aennas Einwurf zögerte er. Was war eine Atani? Doch dann sagte er: "Ja, ich denke, Ihr könntet vor mir den Schwur ablegen, wenn Ihr das wolltet."



    "Nein, ist es nicht", antwortete Galwine auf Aennas Frage. Auf eine Diskussion, ob Insekten nun denken und fühlen konnten, wollte er sich nicht einlassen. Er sah keinen echten Grund, sie von anderen Tieren zu unterscheiden, fühlte sich bei Diskussionen zu diesem Thema aber oft an den theologischen Disput der Geistlichen in seiner alten Heimat erinnert. Die niemals überzeugende Argumente aufbrachten, sich aber großartig streiten konnten. Er lächelte. "Ich war bloß neugierig."


    Galwine freute sich, dass es Naira so offensichtlich schmeckte. Als sie geendet hatte, ließ er dem letzten Satz ein wenig Raum, ehe er sagte:

    "Ich verstehe was du meinst. In Exilia versuchen wir, dieser Einsamkeit der Opfer zu begegnen, indem wir sie institutionalisieren. Es stimmt, wer Herausragendes für die Gemeinschaft leistet, kann meist nicht mehr wie jedes andere Mitglied dieser Gemeinschaft behandelt werden. Deshalb werden diesen Exilanten Ehrentitel verliehen. Sie werden zum "Cubitor" oder "Patron" ernannt. Ihnen gebührt Respekt und sie haben- ohne zwangsläufig ein Amt zu führen, aber weil sichjeder Exilant den Ratschluss eines Cubitors oder Patrons wenigstens zu Herzen nimmt- einen gesteigerten Einfluss in unserer Gemeinschaft. Auf diese Weise wird ihre Einzigartigkeit in Bahnen gelenkt, was, wie ich glaube, bisher dafür sorgen konnte, dass sie ihr Opfer nicht bereuen mussten."


    Nach einer kurzen Pause, in der auch er seinen Teller leerte, fügte er hinzu: "Noch ein Wort zum Schwur des Nordens: Nicht jeder Bürger des Nordens muss vor der Nyame und dem Archon schwören. Das gilt bloß für jene, die ein besonderes Amt bekleiden oder auf andere Weise eine besondere Stellung innehaben. Jeder andere kann ihn vor seinem Protektor oder einem Beamten des Nordens leisten. Ich würde allerdings empfehlen, dies zu erledigen, bevor Ihr um ein Protektorat bittet oder wenigstens umgehend danach und unabhängig von der Antwort. Das dürfte einen besseren Eindruck hinterlassen. Außerdem verlangen das ihre Exzellenzen von jedem, der dauerhaft im Norden lebt."

    "Ich verstehe", sagte Galwine und lächelte. Aenna hatte seine Frage zwar nur in mancher Hinsicht beantwortet, aber gleichzeitig mehr mehr gesagt, als die Worte allein ausdrückten. "Aber zumindest betrachtet Ihr Kjona derzeit als eure Heimat. Sagt einmal, seid Ihr bereits Bürger des Nördlichen Siegels? Habt Ihr also schon den Schwur des Nordens geleistet?" Die Fragen richtete sich offensichtlich nicht bloß an Aenna.


    Irgendwann während sie aßen warf er ein: "Esst Ihr, Aenna, nicht auch Grubenwürmer? Und mir war, als hättet Ihr in Paulos Trutz auch den Geschmack von Silberglanzkäfern angepriesen. Sind das nicht auch Tiere?"

    Nach Aennas Erklärung war Galwines Blick wieder etwas entspannter und freundlicher geworden. Er wirkte beinahe amüsiert. "Nein, Ihr bereitet mir kein Unbehagen. Allerdings ist diese Frage- noch dazu in diesem Rahmen- doch mindestens ungewöhnlich. Was bindet Euch an Kjona? Und wie sehr seid Ihr damit verbunden?" Er hatte kaum geendet, als Fuchs Einwurf zu vernehmen war. Galwine hatte ein wenig Mühe, keine Miene zu verziehen. Was wurde hier eigentlich gespielt? Welche Absicht steckte hinter diesem Gespräch? Ging es seinen Gästen darum, ihn zu beleidigen oder herauszufordern? Dafür gab es keinen nachvollziehbaren Grund. Darüber hinaus war er kein Tyrann und musste keine Angst schüren, um seine Position zu schützen! Tatsächlich sagte er nach einer kurzen Pause: "Das ist eine interessante Theorie. Allerdings glaube ich, dass es mehr als Angst gibt, das Einfluss garantieren kann. Aber Angst ist zweifellos der einfachste Weg. Trotzdem kann ich Euch versichern, dass ich keine Ängste schüren muss, um Exilias Gemeinschaft beisammen zu halten. Das Leben an sich und insbesondere auf Mythodea ist schon beängstigend genug. Einen so sicheren -und nebenbei: so schönen und verheißungsvollen- Hafen wie Exilia verlässt kaum jemand freiwillig. Und an dieser Stelle sind wir vielleicht an Eurem Punkt angelangt: Ja, ich trage einen wesentlichen Teil dazu bei, dass dieser Hafen sicher, schön und verheißungsvoll bleibt. Das ist, neben einigen anderen Aspekten, meine Aufgabe."

    In diesem Moment wurde der nächste Gang aufgetragen. Auf den Tisch vor Galwine wurde eine große silberne Platte gestellt, auf der auf einem Bett aus duftenden Kräutern der dampfende Leib eines großen Fisches lag. Während die Bücklinge in Butter gedünstetes Gemüse auf die Teller häuften, begann er damit, den Fisch zu zerlegen und zu verteilen.

    Sie war recht neu auf Mythodea, soweit er wusste. Wusste sie, wonach sie da fragte? Sein Blick wanderte kurz hinüber zu Naira. Sie wusste es- vermutlich sogar besser als er selbst. Als er sich wieder Aenna zuwandte hatten sich seine Augen eine kleine Spur verengt - nicht unfreundlich, aber abschätzend und konzentriert.

    "Was meint Ihr mit "größtmöglicher Verbundenheit"? Ich bin nicht auf die gleiche Weise an das Land gebunden, wie es die Inhaber der von den Elementen geschaffenen Ämter, besonders die Nyamen und Archonten, sind, falls das Eure Frage war.

    Allerdings ist das auch gar nicht nötig, denn meine Bindung an die Exilanten und dieses Land ist stärker als alles, was ich je zu brechen in der Lage wäre. Dies ist meine Heimat und meine Bestimmung und von hier aus werde ich, wenn die Zeit gekommen ist, nach Norden gehen. Wie kommt Ihr darauf, mir diese Frage zu stellen?"

    Er sah sie überrascht an. Wie er das schaffte? Schaffte er das denn überhaupt? Sicher, sie hatte Recht, die Exilanten waren mit dieser Katastrophe sehr souverän umgegangen. Aber konnte er sich das wirklich selbst zuschreiben? Die Stimmung einer Stadt ließ sich nicht einfach steuern. Andererseits hatte er durchaus Einfluss auf sie. Im Prinzip traf ihre Frage den Kern des wichtigsten Teils seiner Aufgaben als Protektor. Aber er konnte ihr unmöglich an dieser Stelle die Feinheiten der Führung einer Stadt, eines Protektorats oder einer Gemeinschaft wie jener der Exilanten erläutern. Zumal er sehr vieles davon intuitiv tat. Man konnte ein Gespür für die Stimmung einer Stadt entwickeln, musste das vielleicht sogar, wenn man ihr Schicksal gut lenken wollte. Ihm gefiel dieses Bild: Er konnte Kurskorrekturen dieses Schiffes vornehmen, vielleicht auch die Segel hissen oder reffen, die Strömungen, auf denen das Schiff trieb und die Wellen, die es trafen, konnte er nicht beeinflussen.

    Es hing sehr viel mit seiner Haltung zusammen und damit, was er ausstrahlte. Es gab Gesten, die großen Einfluss hatten. Er hatte jeden einzelnen der Toten nach der Katastrophe persönlich nach Norden geschickt. Das war wichtig. Er hatte die Verletzten und die Hinterbliebenen besucht und versucht, ihnen Trost zu spenden. Er hatte nach seiner Rückkehr aus Paulos Trutz während der abendlichen Versammlung in der Großen Halle eine Rede gehalten, in der er die Hintergründe der Ereignisse erläuterte, an den Zusammenhalt der Exilanten appellierte, und die schnelle Reparatur der Schäden sowie die Bestrafung der Täter in Aussicht stellte. Auch das war wichtig.

    Er entschloss sich zu folgender Antwort:

    "Ich teile Eure Einschätzung, was die Stimmung der Stadt betrifft. Die Exilanten sind, selbst nach so vielen Jahren und obwohl ihre Zahl so sehr gestiegen ist, von starkem Gemeinschaftsgefühl geprägt. Wir haben gemeinsam viel erreicht und damit eine gute Grundlage für einen gewissen Optimismus, der tief in dieser Gemeinschaft verwurzelt ist. Daher können Rückschläge wie dieser- bei allen persönlichen Tragödien, die damit verbunden sind- vermutlich recht gut verkraftet und verarbeitet werden. Außerdem ist es wichtig, wie man über die Dinge spricht. In diesem Fall haben die Exilanten zum Glück sehr schnell verstanden, dass es sich nicht beispielsweise um einen Fehler der Stallmeister und Larkzüchter handelte, sondern dass wir es mit einer Bedrohung von außen zu tun haben, auch wenn diese bemüht ist, uns zu infiltrieren. Das schweißt zusammen. Noch dazu haben wir tatsächlich Anlass zum Optimismus, schließlich haben wir sehr viel über die Organisation erfahren und damit schon sehr viel gegen sie in der Hand. Ro Yaros mag uns einen Schlag versetzt haben, aber er wird einen hohen Preis dafür zahlen müssen. Und nicht zuletzt: Das Leben in der Stadt geht weiter. Bereits wenige Tage nachdem wir sicher sein konnten, die entlaufenen Larks wenigsten so weit eingefangen oder zur Strecke gebracht zu haben, dass sie keine erhöhte Gefahr mehr für alle außerhalb der Stadtmauern darstellten, wurde das nächste große Larkrennen veranstaltet."

    Das Lächeln aus Galwines Gesicht verschwand. "Vielleicht habt Ihr gegen Ende des Treffens in Paulos Trutz mitbekommen, dass wir dort feststellen mussten, dass es sich nicht bloß um ein kleines Exilia-internes Problem handelt, sondern um eine ernstzunehmende Gefahr, die den ganzen Norden betrifft. Das hat an den entsprechenden Stellen für nicht wenig Aufregung gesorgt und ihre Exzellenz hat zusätzlich Glabius, einen der Offiziere des Nordheeres und zugleich Protektor von Sciminova, das ebenfalls unter den Machenschaften der Organisation zu leiden hat, mit der Aufklärung beauftragt. Wir müssen sehr vorsichtig sein, worüber und mit wem wir sprechen, da wir nicht mit Sicherheit wissen, welche Strukturen infiltriert sind und wer als Informant für die Organisation arbeitet. Tatsächlich gibt es noch viel, das wir herausfinden müssen. Ich hoffe, mich auf dem Feldzug einmal ausführlicher mit Glabius über das weitere Vorgehen unterhalten zu können.

    In der Zwischenzeit hatten wir hier in Exilia einiges zu tun, um die Folgen des Larkausbruchs zu verarbeiten. Euch ist sicherlich aufgefallen, dass die Arbeit noch nicht ganz beendet ist. Ich bin inzwischen ziemlich sicher, dass es sich um ein weiteres Attentat handelte, hinter dem Ro Yaros steckt. Die Toten, die in den Larkställen gefunden wurden, sind mit größter Wahrscheinlichkeit keine Exilanten. Nicht von allen ist genug übrig geblieben, als das man sie identifizieren könnte, aber zumindest werden keine weiteren Exilanten vermisst, sodass wir vermuten, die Angreifer sind extra zu diesem Zweck, oder um von etwas anderem abzulenken (das muss dann erfolgreich gewesen sein, denn bisher wissen wir nicht, worum es sich handeln könnte) in die Stadt gekommen."

    Zu Beginn des letzten Satzes kehrte ein befriedigtes Funkeln in Galwines Augen zurück.

    "Ah, Ihr wollt ein Schiff, auf dem 14 Personen gut leben können, das mit dieser Besatzung gut gefahren werden kann und in der Lage ist, sowohl den Kontinent zu umsegeln, als auch seine Flüsse zu befahren- so der Zugang zu ihnen nicht durch Wasserfälle versperrt ist. Das sollte eigentlich leicht zu bewerkstelligen sein." Also keine schwimmende Stadt für ein ganzes Volk. Aber den Gedanken würde er im Hinterkopf behalten. Vielleicht lohnte es sich ja trotzdem, mittelfristig eine kleine Werft für die Binnenschifffahrt in Chelonia bauen zu lassen. "Ich werde dafür sorgen, dass Ihr Euch morgen mit Skip Talbot, dem Werftmeister, unterhalten könnt, danach können wir genauer planen."

    Als Fuchs geendet hatte, hatten sich Galwines Blick und Haltung verändert. Seine Frage hatte er sich entspannt zurücklehnend und mit dem Kelch in der Hand gestellt. Nun hatte er den Kelch sorgsam auf den Tisch zurückgestellt, seine Haltung war etwas aufrechter geworden und einem aufmerksamen Beobachter war bestimmt nicht entgangen, dass ein freudiges Funkeln der Erkenntnis in seinen Augen erschienen war. Hausboote? Was für eine faszinierende Idee! Vor seinem geistigen Auge blitzte kurz Bild einer schwimmenden Stadt auf dem Zhennu Niar auf. Breite Schiffe, die miteinander vertäut und durch Stege verbunden auf dem breiten Strom trieben. Und Exilia könnte diese Stadt bauen.

    Als er gerade zu sprechen anheben wollte, antwortete Aenna auf seine Frage. Er wandte sich ihr zu. Den langen Händedruck von vorhin hatte er bereits so gut wie vergessen. In diesen Landen begegnete man ständig deutlich seltsamerem Verhalten. Dennoch irritierte ihn diese Frau etwas. Sie hatte bei ihrer ersten Begegnung spontan einige sehr interessante Vorschläge im Bezug auf die Verbesserung des Schiffbaus gemacht, ihm in gewählten Worten einige Aspekte des Lebens in Kjona näher gebracht und sich schließlich als unerwartet fähig und ausgesprochen hilfsbereit herausgestellt. Ihm so offen entgegengebrachte Freude übertrug sich recht zuverlässig auf Galwine. Hatte sie Ihn gerade geduzt? Und hatte sie das bei Ihrer letzten Begegnung auch schon getan? Er verbuchte das vorerst unter weiterem seltsamen Verhalten und ging nur indirekt darauf ein, indem er lächelnd zu ihr sagte: „Und mit beidem habt Ihr mir eine große Freude gemacht!“

    Neue Ideen, die Aussicht auf ein gutes Geschäft und dazu Bestes Brot- besser konnte es kaum noch werden.

    Dann wandte er sich mit einem dankbaren Nicken und Lächeln an Fuchs und gab ihm endlich zur Antwort: „Euren unermüdlichen Einsatz im Zusammenhang mit diesem Geist habe ich nicht vergessen.“ Dass dieser überhaupt etwas mit Ro Yaros zu tun hatte, war erst nach seiner Austreibung und für alle überraschend klar geworden, aber durch ihn hatten sie wertvolle Informationen gewinnen können. Sie hatten zwar einen hohen Preis dafür bezahlen müssen- Nicht tödlich? Daran hatte er seine Zweifel. Der Larkausbruch war mit großer Wahrscheinlichkeit kein Zufall -aber während des Treffens in Paulos Trutz waren die Ermittlungen schneller vorangeschritten, als in den drei Jahren zuvor. „Und ich würde mich freuen, Euch und den Euren zu einer schwimmenden Heimat zu verhelfen.

    Zwar hatte ich andere Pläne, aber die lassen sich weitgehend verlustfrei verschieben, sodass sogar bereits in wenigen Wochen, wenn der Bau des Schiffes für den Archon abgeschlossen ist, Kapazitäten in meiner Werft zur Verfügung stünden. Gleichzeitig bietet Euer Besuch zu dieser Zeit Gelegenheit, Euch selbst von der hohen Qualität der exilianischen Schiffsbaukunst zu überzeugen.

    Natürlich werden wir an dieser Stelle nicht sämtliche Details Eures Auftrages klären müssen. Das tun wir, wenn Ihr in den nächsten Tagen Gelegenheit hattet, mit dem Werftmeister zu sprechen und er daraufhin Entwürfe und Kalkulationen erarbeiten konnte. Dennoch interessiert mich:

    Die Buntfüchse aus dem Westen- für wieviele Individuen sucht Ihr denn nach einer neuen Heimat? Sprechen wir über ein einzelnes Schiff, oder schwebt euch eine kleine Flotte vor? Und bitte seht es mir nach, ich weiß schließlich nicht, wie vertraut Euch die Geographie des Nördlichen Reiches ist- ist Euch klar, dass die Flüsse, die den Norden durchziehen, mit Ausnahme des Gweil sämtlich über hohe Wasserfälle ins Meer stürzen und daher von dort nicht per Schiff zu befahren sind? Ihr werdet Euch also entscheiden müssen, ob Ihr ganz Mythodea bereisen wollt, oder ob Ihr das weit vernetzte Flusssystem des Nordens zu Eurer Heimat machen möchtet. Welche Möglichkeiten damit verbunden wären, erschließt sich am besten mit Blick auf die Karte, die ich Euch, wenn Ihr mögt, gerne später zur Verfügung stelle. Für die Flussschifffahrt ließen sich bestimmt Konstruktionen entwickeln, die vielleicht wirklich an schwimmende Häuser erinnern. Das alles bündelt sich zu der Frage: Welche Anforderungen stellt Ihr an das Schiff oder die Schiffe, die die Exilanten für Euch bauen sollen?“

    Kurz darauf betrat ein hochgewachsener Mann, der ganz in grün und weiß gekleidet war und dessen Brust die Schildkröte Exilias zierte, das Gasthaus „Zum Grünen Graben“ Er sah recht offiziell aus und wirkte deutlich weniger gehetzt als der junge Bursche, der vorhin in Richtung der Große Halle davongeeilt war. Außerdem schien er ziemlich genau zu wissen, zu wem er wollte. Er nickte der Wirtin freundlich zu, sah sich kurz im Schankraum um und trat an ihren Tisch:


    „Verzeiht! Ihr seid Neira, Aenna und Fuchs, die Besucher aus Kjona?“ Es war offensichtlich höchstens eine rhetorische Frage, dann er fuhr fort: „Ich bin Ambrosio Grünteich. Im Namen Galwine Camdagnirs, des Herrn der Feste über Wind und Meer und Protektors Exilias darf ich Euch herzlich in Exilia willkommen heißen!

    Eure Gästeresidenzen in der Großen Halle stehen bereit. Dort könnt Ihr Euch von den Strapazen der Reise erholen. Ihr seid eingeladen, heute Abend mit dem Protektor zu speisen. Man wird euch zu gegebener Zeit abholen.

    In den wenigen Stunden bis dahin, so darf ich darüber hinaus ausrichten, sollt Ihr, so eure Kräfte dafür heute noch reichen und euch der Sinn danach steht, diese schöne Stadt kennenlernen. Dazu wird man euch, ebenfalls falls Ihr dies wünscht, eine Begleitung zur Seite stellen, die euch herumführen und vielleicht das ein oder andere erklären kann.“ Seine Stimmlage änderte sich ein wenig und es wurde deutlich, dass er inzwischen alles gesagt hatte, was ihm aufgetragen worden war. „Ich persönlich würde zuallererst Doimdils Bäckerei und einen Spaziergang auf der Promenade der Unsterblichen empfehlen. Und sich Myrhenka aus der Nähe anzuschauen ist ebenfalls ein beeindruckendes Erlebnis. Wenn Ihr es nicht so eilig habt, Exilia wieder zu verlassen,bliebe dafür natürlich auch noch in den nächsten Tagen Zeit.“


    [OT: Hier findet ihr den direkten Sprung zu dem Abendessen. Trotzdem muss diese Episode hier natürlich nicht enden.]

    Gegen Abend wurden Naira, Aenna und Fuchs von einem etwas zaghaften Mann mit wohlgestutztem Bärtchen, der sich als Tristan, einer der Diener Galwines vorstellte, in ihren Unterkünften abgeholt und zu einem kleinen Saal geführt, der im östlichen Flügel der Große Halle untergebracht war. Er ähnelte jenem, in dem Naira vor wenigen Monaten dem Valentinsfest beigewohnt hatte. Auch hier stand eine lange Tafel in der Mitte des Raumes, sie war allerdings ein wenig kürzer. In einem Kamin prasselte ein Feuer, der Raum war erhellt von Kerzen und Pilzlampen, Wandteppiche und Banner hingen an den Wänden. In Nischen an beiden Querseiten standen vier Gerüstete, die man aus dem Augenwinkel für Statuen hätte halten können, auch wenn sie entschieden weniger steif dastanden.

    Auf dem breiten Stuhl an der Stirnseite saß Galwine Camdagnir. Er unterhielt sich mit einem weiteren Exilanten, der ein kleines Schreibpult vor sich auf den Tisch gestellt hatte und eine Schreibfedern der Hand hielt.


    Als die Gäste eintrafen, erhob er sich, packte mit wenigen Handgriffen seine Sachen zusammen, nickte ihnen freundlich zu, deutete eine Verbeugung in Richtung des Protektors an und verschwand durch eine nur mit einem Vorhang verschlossene Tür an der Nordseite.


    Nun erhob sich auch Galwine, trat mit einem Lächeln ein paar Schritte auf sie zu, reichte jedem die Hand und sagte:

    „Willkommen in Exilia- nun noch einmal meinerseits! Ich bin hoch erfreut, bereits nach so kurzer Zeit wieder Bewohner Kjonas als Gäste empfangen zu dürfen. Ich hoffe, Ihr hattet eine angenehme Reise, habt alles zu Eurer Zufriedenheit vorgefunden und Gelegenheit gehabt, Euch ein wenig zu erholen und vielleicht auch umzusehen.“ Der letzte Teil klang stark nach einer Frage. „Bitte setzt Euch!“ Er deutete einladend auf die drei eingedeckten Plätze rechts und links der Tafel und kehrte auf seinen Platz zurück. Im selben Moment traten nacheinander drei Diener aus der Tür mit dem Vorhang. Der erste trug mehrere Karaffen auf einem Tablett, stellte es auf einem Tisch an der Wand ab und begann damit, die Kelche der Gäste und des Protektors mit einer dunkelroten Flüssigkeit zu füllen. Sie stellte sich als Preiselbeersaft heraus.

    Die anderen beiden Bücklinge stellten mehrere Brotkörbe mit duftenden Laiben offenbar unterschiedlichster Varianten des besten Brotes aller Welten, kleine Karaffen mit Knoblauchöl und Tiegel mit Rothschmalz, Knoblauchbutter und Salz auf den Tisch. Es war die Vorspeise.


    Noch ehe sie verschwunden waren, erhob Galwine seinen Kelch, sagte den anderen zuprostend: „Exilia, Preis und Ehr!“- offenbar ein Trinkspruch- trank und begann, das Brot zu verteilen.

    Nach der ersten Stärkung erklärte er: „Nun bin ich aber doch neugierig. Reiner Freude am Reisen oder dem bloßen Bedürfnis diese Stadt zu sehen, werde ich Euren Besuch nicht zu verdanken haben. Was führt Euch hierher?“

    Ansprechpartner: Philipp (Galwine)

    Gruppen: Exilia mit Amun & Gefährten und Baronie Stein


    Anzahl: gesamt: 23, Baronie Stein: 6, Exilia mit Amun & Gefährten: 17 (aktuell sind für uns drei zusätzliche Karten im Viertelmanager angemeldet)


    Zelte:

    Exilia mit Amun & Gefährten:

    1x Ritterzelt (5x5m)

    1x Ritterzelt (4x4m)

    1xSachsenzelt (2x4m)

    3x Sahara (4m Durchmesser)


    Baronie Stein:

    1 x Sachsenzelt (3x5m)

    1 x Sachsenzelt (4x6m)

    1 x Rundzelt (4m Durchmesser)

    1 x A-Tent (1,5 x 2,5)


    Sonstiges: Pavillon (4x6m), Sonnensegel (5x5m), Sonnensegel (3 x 5m)


    Schlafplatz/IT-Bereich darf getrennt werden: nein


    Wunschnachbarn: Waldtempler, Serafim, Goldfänge

    Wunsch-Nicht-Nachbarn: gegen (nächtlichen) Gesang empfindliche Gruppen


    Ankunft: Die ersten am Sonntag, der Rest am Montag

    Mahrs Erklärungen fielen kaum anders aus, als er erwartet hatte- wenn auch deutlich stockender. Ihm blieb genug Zeit, immer wieder bestätigend leicht zu nicken. Doch bei „Und mich selbst“ geriet er selbst ins Stocken und ein Anflug von Unverständnis huschte über sein Gesicht. Da sie jedoch weitersprach, blieb ihm nicht lange Gelegenheit, über diese Äußerung nachzudenken und sein Gesichtsausdruck kehrte für einen Moment zu dem ernsten, aufmerksamen Wohlwollen zurück, ehe: „Ich melde mich in wenigen Stunden zurück, wenn das in Ordnung ist.“ Er war perplex. Er zitierte sie hierher, um ihr eine Standpauke zu halten und ihre Strafe zu verkünden und sie bestimmte eigenmächtig, wann dieses Gespräch vorbei war?

    Das war so dreist, dass es schon wieder anfing, ihn zu erheitern. Sie musste sich schon in einem ziemlichen Ausnahmezustand befinden, um ihm so zu begegnen.

    Dann drang mit einem Mal eine Erkenntnis zu ihm durch, die er zuvor geflissentlich in sein Unterbewusstsein verbannt hatte:

    Mahr war wirklich müde. Bei genauerer Betrachtung hätte es ihm schon vorher auffallen können: Ihre Haltung, ihr Blick, die Art, wie sie sprach- alles zeugte davon.

    Er selbst war es nicht. Im Gegenteil: Dass er den unangenehmen Teil dieses Gesprächs hinter sich gebracht hatte, beflügelte ihn und erfüllte ihn mit Tatendrang. Er hatte geplant und sich darauf gefreut, Mahr an dieser Stelle einen Sitzplatz anzubieten, eine kleine Stärkung kommen zu lassen und das Gespräch in angenehmere Bahnen zu lenken, indem er ihr von den Ereignissen nach ihrer Abreise aus Paulos Trutz berichtete, sie über die jüngsten Erkenntnisse zu Ro Yaros informierte und schließlich mit ihr einen Plan ausarbeitete, wie in dieser Sache weiter zu verfahren sei. Er dachte an die Dokumente, die auf dem Tisch vor ihm lagen. Manches davon war von hohem Interesse, anderes mindestens von hohem Wert.

    Er war ein bisschen enttäuscht. Aber schließlich konnte er ihr nicht befehlen, wacher zu sein.

    Und für diese Angelegenheit wollte er ihre volle Aufmerksamkeit. Außerdem konnten sie auch noch ohne Probleme einen Tag warten. Vorsorglich würde er seinen Wachen Anweisung geben, in der Zwischenzeit besonders vorsichtig bei hochgewachsenen, dunkelhaarigen Frauen zu sein, selbst wenn sie schon lange in Exilia bekannt waren, aber ohne, dass diese etwas bemerkten. Vielleicht würden sie morgen beschließen, aggressiver nach der Person zu fahnden, die Brendon Grünschlag beschrieben hatte, aber er wollte nach Möglichkeit vermeiden, schlafende Hunde zu wecken. Dann entsann er sich der entlaufenen Larks. Vermutlich schliefen die Hunde nicht mehr.

    Seine Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Es schien kaum Zeit vergangen zu sein.

    Er überlegte kurz, ob er Mahr zurechtweisen musste, entschied dann aber, dass seine Erheiterung sowohl seine Enttäuschung als auch die Verletzung der Etikette überwog und sie heute schon genug zu hören bekommen hatte. Ganz abgesehen davon, dass sie offenbar ohnehin so sehr neben sich stand, dass diese Botschaft kaum ankommen würde. Deshalb sagte er lachend: „Ja, das ist in Ordnung. Du hast heute noch ein bisschen was zu erledigen und der morgige Tag bringt neue Herausforderungen mit sich. Ich will dich nicht aufhalten.

    Komm morgen Abend, wenn du deine Pflicht getan hast, hierher zurück und wir besprechen, wie es weitergeht.“

    "Überspitzt formuliert kann man also sagen: Du wirst degradiert und in den Krieg geschickt.


    Soweit der öffentliche Teil. Ich möchte aber, dass dieser Vorfall noch eine weitere Konsequenz hat:

    Ro Yaros hat dir eine Lektion erteilen können, weil er wusste, auf welchem Weg du angreifbar bist.

    Um die eigenen Schwächen zu wissen…“ Er korrigierte sich: „Zu wissen, wo man selbst verletzlich ist, kann von großem Wert sein. Denn es bedeutet, dass man sich wappnen oder vielleicht auch, dass man diese Lücken in der eigenen Verteidigung schließen kann.

    Verstehe mich recht: Liebe hat großes Potential und ich verlange nicht von dir, das du dich von ihr lossagst, im Gegenteil! Ganz abgesehen davon, dass spätestens deine Worte gerade zeigten, wie sinnlos das wäre. Sie hat dir die Kraft gegeben, dich über das hinwegzusetzen, was du bisher als höchstes Maß deines Handelns angesehen hast. Wir haben ihre destruktiven Auswirkungen gesehen. Durch sie hast du dich Befehlen widersetzt, deinen Posten verlassen und sehr viel aufs Spiel gesetzt. Aber richtig genutzt, kann sie deine Kraft, zukünftig für sie, für Exilia und damit- wie ich hoffe- auch wieder für mich zu streiten, sogar mehren.

    Ich bin lieber umgeben von Exilanten, die beflügelt von tiefster Überzeugung tapfer für das einstehen, was ihnen am Herzen liegt, als von Kriegern, die bloß ihrer Pflicht nachgehen. Und dass du ein herausragendes Beispiel dafür sein kannst, hast du wieder gezeigt.

    Ich sehe daher auch keinen echten Anlass, an deiner Loyalität zu mir zu zweifeln, bloß weil es eine in Exilia gibt, an die dein Herz stärker gebunden ist, als an mich. Anderen Soldaten geht es nicht anders.

    Trotzdem möchte ich so etwas deinerseits nicht noch einmal erleben müssen. Ich möchte, dass du dich zukünftig stärker darauf verlassen kannst, dass dein Verstand im richtigen Moment die Oberhand behält. Ich möchte deshalb nicht nur, dass du die nächsten Monate nutzt, um dir das einzuprägen, ich erwarte von dir, dass du diese Lücke in deiner Verteidigung schließt.

    Und nochmal: Nein, das bedeutet nicht, dass du der Liebe entsagen sollst! Ich möchte bloß, dass niemand mehr durch die leise Andeutung, es könnte Lyx nicht gut gehen oder gar durch die Behauptung, sie in seiner Gewalt zu haben, jegliches sonstige Pflichtgefühl aus dir vertreiben kann. Ich möchte, dass du, sollte es je wieder zu so einer Situation kommen, was wir hoffentlich zu verhindern wissen, auch wenn ich vermute, dass Ro Yaros es darauf anlegen wird, WEISST, wie es Lyx geht.


    Ich habe mich in den letzten Tagen mit Neira unterhalten und gelernt, dass es Bindungen zwischen Menschen - bewusstseinsgesegneten Lebewesen- gibt, die weit über eine emotionale Verbundenheit hinausgehen. Vielleicht ist sie selbst gerade nicht die geeignetste Lehrmeisterin, was diese Angelegenheit betrifft,“ er dachte daran, dass sie im Moment sehr unter einer Seelenbindung litt, die sie eingegangen war aber nun nicht zu lösen vermochte, „aber sie verdeutlichte mir, dass sie aufgrund einer Seelenbindung in der Lage ist, zu spüren, wie es um die Seele am anderen Ende dieser Bindung bestellt ist. Es wird auf Mythodea sicherlich noch andere geben, die dich lehren können, was genau eine solche Bindung bedeutet und vielleicht auch, wie man sie aufbaut."

    Seine Haltung straffte sich noch etwas mehr, er schien nun so groß, wie es seine sitzende Position erlaubte. Auf seiner Stirn bildete sich eine strenge Falte, als er verkündete:

    „Um dies führt kein vertretbarer Weg herum: Du wirst degradiert. Ab morgen hast du wieder den Rang eines einfachen Soldaten.“

    Es schmerzte ihn, denn Mahr hatte tatsächlich Führungsqualitäten, aber diese war der falsche Augenblick, das erkennen zu lassen. Deshalb fuhr er fort: „Du wirst Derek Ioreksons Zug zugeteilt. Dein eigener Zug wird aufgelöst, deine Männer und Frauen auf andere Züge verteilt.“

    Das war ein ungewöhnlicher Schritt. Fiel sonst einmal ein Feldwebel aus, wurde seinem Zug normalerweise einfach ein neuer Feldwebel zugeordnet. „Dein Feldwebelbarett darfst du heute noch tragen. Ich möchte, dass du nachher deinen Zug zusammenrufst und ihnen die Situation erklärst. Wer welchem Zug zugeteilt wird, kannst du nachher von Cubitor Gräfalk erfahren. Es schadet sicherlich nicht, wenn ihr anschließend ins Rothhorn geht.

    Morgen und übermorgen nimmst du an den regulären Übungen und Pflichten von Dereks Zug teil. Aus deinen Pflichten und deiner Verantwortung im Bezug auf Ro Yaros wirst du nicht entlassen. Deshalb brichst du anschließend - vorausgesetzt, wir beschließen nachher nichts anderes- nach Paulos Trutz auf und kümmerst dich um alles, was in dieser Angelegenheit zu unternehmen ist.

    In etwa einer Woche - und dies sind Informationen, die bisher bloß den Hauptleuten bekannt sind- wird, trotz all der Widrigkeiten, denen wir uns hier stellen müssen, ein erheblicher Teil des exilianischen Heeres, die Elite-Larkkavallerie und 10 Züge Protektoratswachen, aufbrechen und an dem Feldzug der vereinigten Heere des nördlichen Siegles gegen Xerath, die Festung des Schwarzen Eises im Osten von Kjona, teilnehmen. Auch Dereks Zug wird dorthin gehen und du wirst zu ihnen stoßen, wenn sie durch Paolos Trutz kommen. Es sind harte Belagerungskämpfe zu erwarten, aber es gibt guten Grund zur Hoffnung und eine Geheimwaffe auf unseren Seiten, die vermutlich eine rasche Entscheidung zu unseren Gunsten bewirkt. Deshalb wird der Weg dorthin und wieder zurück - so steht zu hoffen- den längsten Teil dieser Expedition in Anspruch nehmen."

    Wieder sah er sie so an, als wollte er sichergehen, dass sie die Bedeutung seiner nachfolgenden Worte auch ja richtig verstand:

    "Ich möchte, dass du das als Chance siehst, deine Fähigkeit, Befehlen zu folgen und deinen Wert für die exilianische Streitmacht unter Beweis zu stellen und erneut zu zeigen, dass das Vertrauen, das wir alle bisher in dich setzten, gerechtfertigt ist.“

    Er würde später auch noch mit Derek sprechen und ihn anweisen, ihr möglichst oft dazu Gelegenheit zu geben und den Hauptleuten ausführlich davon zu berichten, wie sie sich schlug.

    Er machte eine Pause und ließ sie diese Nachrichten erst einmal verarbeiten. Aber er war noch nicht fertig.

    Während sie sprach, nickte er immer wieder leicht, zum Zeichen, dass er sie verstand und um sie aufzufordern, weiterzureden.

    Er schien nicht unzufrieden mit dem, was er hörte und bei ihrem letzten Satz stahl sich so etwas wie ein grimmes Lächeln auf sein Gesicht, das aber auch schnell wieder verschwand. Er hatte Neuigkeiten für sie, Ro Yaros betreffend, die ihr bestimmt gefallen würden, aber das musste noch ein bisschen warten.

    Er wartete einen kurzen Augenblick ehe er antwortete. Vielleicht um ihr Zeit einzuräumen, dem Gesagten noch etwas hinzuzufügen, aber auch, um zu sortieren, wie er sich äußerte. Es gab so viel, das er gleichzeitig sagen wollte.

    Schließlich begann er: „Auf die Gefahr, mich zu wiederholen: Ich habe Verständnis für dein Handeln.“

    „Obwohl ich niemanden habe“, schoss es ihm durch den Kopf. Aber er zügelte sich und sprach es nicht aus. Er brauchte ihr nicht zu zeigen, dass sie ihn damit getroffen hatte. Dachten die anderen Exilanten auch so? War das überhaupt etwas, worüber man sich Gedanken machte oder gar das Maul zerriss? Bisher hatte er - ein wenig naiv- angenommen, das wäre einzig seine persönliche Angelegenheit.

    Stattdessen fuhr er fort: „Dennoch war es, wie du inzwischen offenbar eingesehen hast, ein Fehler. Und auch einer, mit dem Ro Yaros gerechnet hatte. Aber dazu später mehr.“

    Er holte Luft.

    „Ich schicke voraus:“ Er nahm sie jetzt mit ein wenig Mühe über den Rand seiner Brille noch fester in den Blick, wie um seine Worte zusätzlich zu unterstreichen. “Ich glaube, dass diese Ro Yaros-Angelegenheit deiner militärischen Karriere sehr zuträglich sein kann.“

    Damit ihr dieser Satz bei allem was noch folgen würde, im Gedächtnis blieb, machte er eine winzige Pause, änderte die Kopfhaltung und fuhr dann etwas geschäftsmäßiger fort:

    „Aber: Du bist Soldatin und wir können nicht zulassen, dass Befehlsverweigerung in den Reihen der exilianischen Soldaten als vernachlässigbares Vergehen angesehen wird. Daher musst du angemessen zur Rechenschaft gezogen werden, besonders da deine Strafe eine Signalwirkung haben muss.“ Irgendwo in einem der Regale in seinen Gemächern lag eine Ausgebe von „Der Prinz von Hohenburg“ von Henrike de Kleb.

    „Ich hätte dir angesichts der Umstände sogar so viel Respekt entgegengebracht, deinen eigenen Vorschlag einer angemessenen Bestrafung zu berücksichtigen. Allerdings vermute ich auch, dass er härter ausgefallen wäre, als ich für unumgänglich halte.“

    Wo: In den Gemächern des Protektors in der Großen Halle in Exilia

    Wann: Kurz nach dem „Treffen unter Gleichgesinnten 1“

    Wer: Mahr und Galwine, andere auf Anfrage


    Nach der Zusammenkunft auf Einladung Kjonas in Paulos Trutz, die so sehr von Ro Yaros Aktivitäten überschattet worden war, hatte Galwine sich kurz Zeit genommen, einen Bericht für ihre Exzellenzen zu verfassen, und war dann umgehend mit seinem Gefolge aufgebrochen, um nach Exilia zurückzukehren, wo noch immer große Aufregung herrschen musste. Sie hatten ein wenig länger gebraucht, weil die meisten nicht zu Lark unterwegs waren, sondern auf Pferden ritten. Vadania hatte sich ihnen angeschlossen und begleitete sie nach Exilia. Ihre Motivation hatte Galwine, wie so oft, nicht gänzlich zu entschlüsseln vermocht, sich aber darauf verlegt, sie als Geleitschutz zu betrachten, für den er nicht undankbar war.


    Sie hatten Glück gehabt und auf der Straße lediglich unzählige Spuren der ausgebrochenen Larks sehen können. Eine Begegnung mit einem marodierenden Riesenvogel war ihnen erspart geblieben, und es hatte nicht lange gedauert, bis sie auf die Larkreitereskorte stießen, die sie den Rest des Weges zurückbegleitete.

    Es war noch nicht Mittag gewesen, als sie in Exilia eintrafen. Galwine hatte sich umgehend in der Großen Halle einen Bericht der Hauptleute und der Stadtmeisterin geben lassen. Inzwischen hatte man einen deutlich besseren Überblick über die Situation, als der Brief, den er erhalten hatte, vermuten ließ. Offenbar war der größte Teil der gut ausgebildeten Larks der schweren Kavallerie nicht in Panik verfallen und sogar in den Stallungen geblieben, sodass diese Tiere genutzt werden konnten, die entlaufenen Larks zu verfolgen. Auf diese Weise waren schon nicht wenige wieder zurückgebracht worden. Trotzdem fehlte noch immer ein erheblicher Teil der Herde und manche der Tiere hatten sich nicht einfangen lassen, sodass sie getötet werden mussten. Es war ein erheblicher Schlag für den Larkbestand in Exilia und es wurden bereits Überlegungen angestellt, ob man die Zucht wieder intensivieren sollte. Theodor Grävalk hatte in seinem Brief von vier toten Exilanten und etlichen Verletzten berichtet. Später hatte man noch ein paar weitere, übel zugerichtete Leichname in den Larkstallungen gefunden. Offenbar handelte es sich dabei um die Eindringlinge, denn sie konnten nicht als Exilanten identifiziert werden und es wurde auch kein Exilant mehr vermisst. Eine hochgewachsene, dunkelhaarige Frau war nicht darunter. Eine Exilantin mit Namen Nyx war keinem der Anwesenden bekannt, doch war es naheliegend, dass sie in Exilia einen anderen Namen verwendete. Über die Erkenntnisse bezgl. Ro Yaros bewahrte Galwine vorläufig Schweigen. Er wollte verhindern, dass die Organisation zu viel Wind von möglichen Plänen bekam, die man gegen sie schmiedete.

    Nach dieser Besprechung war er zur Krankenstube gegangen, hatte nach den Verletzten gesehen und ihnen, soweit sie ansprechbar waren, Mut zugesprochen. Dann harte er die Hinterbliebenen der Verstorbenen besucht, ihnen, so gut er es vermochte, Trost gespendet, Unterstützung zugesichert und ihnen versprochen, die Toten würdig nach Norden zu schicken.

    Als die Sonne schon nah über dem Horizont stand, kehrte er schließlich in seine Gemächer zurück. Es gab noch etwas, das er heute erledigen musste.

    Lucanica Avia Inproelio hatte ihm berichtet, dass sich Mahr aktiv und mit gutem Erfolg an der Verfolgung der entlaufenen Larks beteiligte. Sie wurde aber gegen Abend zurück in der Stadt erwartet. Galwine ließ dem Stallaufseher einen kurzen Brief für sie zukommen, der sie darüber informierte, dass er sie noch an diesem Abend zu einem Gespräch über die Ereignisse der letzten Tage empfangen werde. Sie solle sich aber die Zeit nehmen, sich vorher ein wenig zu stärken und den Schmutz der Jagd loszuwerden.


    Den Wachen hatte Galwine die Anweisung gegeben, Mahr nicht aktiv aufzufordern, ihre Waffen abzulegen. Es schien ihm in diesem Fall zu leicht als Provokation oder Zeichen des Misstrauens verstanden werden zu können.

    Als Mahr eintrat, saß der Protektor auf seinem hohen Stuhl hinter seinem Schreibtisch. Die kleine silberne Schildkröte war wieder an ihren angestammten Platz auf einen kleinen Stapel Dokumente am südlichen Tischende zurückgekehrt, ein neues und etwas größeres Exemplar, das sich bei näherem Hinsehen als Vergrößerungslinse erwies, stand auf einer Karte am nördlichen Rand und vergrößerte einen Bereich westlich von Exilia. Dazwischen lag eine Reihe kleinerer Dokumente und Objekte.


    Er nickte leicht und sah sie schweigend und ernst an, als sie den Raum betrat und sich dem Tisch näherte. Zwar gab es mehrere Stühle an den Wänden, an einem kleineren Tisch und auf den Stufen der Empore vor dem Fenster, doch vor dem Tisch stand kein Stuhl. Sie schienen in dem Raum allein zu sein.

    Seine Arme ruhten auf der Tischplatte und er legte die Fingerspitzen seiner behandschuhten Hände aneinander.

    „Mahr…“ Er schien eine Winzigkeit zu zögern und sein Blick wurde für einen Moment deutlich freundlicher. „Lucanica sagte, dass du dich bei der Jagd auf die entflohenen Larks gut schlagen würdest. Sehr schön.“ Doch dann wurde wieder strenger und hob eines der kleinen Dokumente hoch, die vor ihm lagen. Er schien nun teilweise zu zitieren: „ Ja, ich verstehe, wenn ich es auch nicht billige, was du getan hast." Er legte es zurück an seinen Platz. "Aber das ändert nichts daran, wie du gehandelt hast. Du hast meinen ausdrücklichen Befehl ignoriert. Du warst in einer offensichtlich bedrohlichen Situation mit meiner Sicherheit betraut und hast es vorgezogen, deinen Posten zu verlassen. Als Feldwebel und Veteranin vieler Feldzüge bist du Vorbild vieler Exilanten. Erkläre dich!“

    Garmsch' der noch immer kaum lesen konnte, zögerte erst ein wenig, dann nahm er den Umschlag entgegen und reichte ihn möglichst beiläufig seinem Wachkameraden. Dieser hielt ihn mit ausgestreckten Händen von sich weg und las vor, was darauf geschrieben stand. "Ein Brief an den Protektor also", resümierte Garmsch' und fügte hinzu: "Wir versichern euch, dass er ankommen wird. Leopold von Kampen..." Offenbar prägte er sich in diesem Moment Gesicht und Namen ein. "Gibt es sonst noch etwas, das wir für euch tun können? Wenn ihr neu in der Stadt seid, solltet ihr auf jeden Fall auf dem Weg zur Botschaft einen Abstecher in die Bäckerei machen! Es ist das zweite Gebäude zu eurer Rechten, nachdem ihr die Große Halle verlassen habt." Er deutete durch den offenen Torbogen, der zum Sturmhang führte und machte so deutlich, dass er hier mit dieser Bezeichnung den ganzen Bezirk der Großen Halle und nicht das Gebäude selbst meinte. "Dort gibt es das beste Brot aller Welten!"

    Auch wenn man sich an den Anblick der Leute aus den Kaiserlanden inzwischen weitgehend gewöhnt hatte- sie stachen allein schon aufgrund der Farben, die sie trugen, meistens aus der Menge heraus- blieb manch ein Blick an der Gestalt und Kleidung des jungen Mannes hängen, während er über den Vorplatz der Großen Halle ging. Garmsch', der Hüne, der an deren offenen Tor Wache stand und selten mehr tun musste, als alle zu grüßen, die hineingingen (und selbst das musste er nicht tun, es ergab sich einfach daraus, dass er so gut wie jeden kannte. Nur wenn er ein Gesicht nicht wiedererkannte, zog er überhaupt in Erwägung, den Eintritt zu verweigern), sprach ihn an:

    "Guten Tag, junger Herr! Ihr seid neu in Exilia und seht so aus, als kämt Ihr aus den Kaiserlanden. Wohin möchtet Ihr? Die Botschaft ist da drüben." Er wies mit der freien Hand ungefähr in die richtige Richtung.