Ein unsichtbares Zeichen

  • Es war bereits spät. Die Geräusche der Stadt waren verklungen, über die meisten Viertel hatte sich Dunkelheit gelegt. Doch der Protektor Exilias war noch immer geschäftig und aus seinen Gemächern in der Großen Halle fiel Licht auf die Promenade der Unsterblichen. Die beiden Wachen vor seiner Tür hörten hin und wieder, wie er leise vor sich hin summte oder sang. Das tat er bei der Arbeit oft und meistens lächelten sie sich dann wissend zu oder begannen sogar, den Refrain mitzusingen, jedoch immer gerade so leise, dass sie sich sicher sein konnten, dass er sie umgekehrt nicht hörte. Beim Wachwechsel war ihnen zugeraunt worden, heute sei Botschaft aus der Minensiedlung gekommen und der Bote hätte zwei schwere Truhen dabeigehabt, die jetzt wohl in den Gemächern des Protektors stünden. Vielleicht beschäftigte ihn das so lange.

    Plötzlich ging die Tür auf. Während die Wachen eilig Haltung annahmen, trat der Protektor heraus und ging in Richtung einer der Treppen. Er nickte ihnen dabei freundlich zu, doch als sie sich anschickten, ihm zu folgen, gebot er ihnen mit einer Geste Einhalt und sagte: „Bleibt hier, ich werde das Gebäude nicht verlassen- und jeder Eingang ist ausreichend bewacht.“ Damit verschwand er in Richtung des unteren Stockwerkes. Erst im Nachhinein wurde den Wachen klar, dass er, wiewohl ansonsten akkurat gekleidet wie immer, ungewöhnlicherweise seinen linken Handschuh vergessen zu haben schien. Mit dem behandschuhten Daumen hatte er,während er an ihnen vorbeilief, vielleicht ohne es selbst zu bemerken, den Handteller der Linken massiert.


    Galwine Camdagnir durchquerte zielstrebig die Große Halle. Nur das Licht der Sterne und die Glut der heruntergebrannten Feuer erhellten den Raum. Es war nicht das erste Mal, dass er zu so später Stunde und völlig allein in der Basilika stand. Er fand, sein Platz am hohen Tisch eignete sich dann hervorragend, um in aller Ruhe nachzudenken.


    Ein unbestimmter Gedanke hatte sich seit dem Feldzug hinter seiner Stirn eingenistet. Und mit ihm eine bisweilen aufflammende, vage Unruhe. Vielleicht war auch etwas angestoßen worden. Die gute Nachricht aus der Minensiedlung und was damit verbunden war, hatte ebenfalls ihren Anteil gehabt. Jedenfalls wollte er dem jetzt auf den Grund gehen.

    Natürlich wäre es einfacher gewesen, einen der Magister aus dem Observatorium zu fragen, oder vielleicht einen der Heiler, aber er wollte vermeiden, sich mit seinem Verdacht zu blamieren und spürte auch einen gewissen Ehrgeiz, zunächst selbstständig in dieser Sache weiterzukommen.


    Er durchquerte daher die Halle und betrat den westlichen Seitengang.


    Er war selbst bisher nur wenige Male hinabgestiegen, wusste aber, dass es dort einen großen Hort verschiedenster Schriften gab. Unter dem Einfluss seines Vorgängers waren bestimmte Werke bevorzugt dort aufgehoben und nicht der Allgemeinheit in der Bibliothek zugänglich gemacht worden. Eigentlich wurde es Zeit, dass er jemanden damit beauftragte, diese Sammlung zu sichten und die geeigneten Bände an die Oberfläche zu holen. Er machte sich eine entsprechende gedankliche Notiz.


    Als er vor der Tür zum Reliquarium stand, griff er kurz an seinen Gürtel und vergewisserte sich, dass er eine Schachtel Thieler Zündhölzer dabeihatte. Eine sehr nützliche Erfindung. Er wusste, dass es unten einen Vorrat an Kerzen gab, also war er gut vorbereitet. Seine Hand schmerzte noch immer ein wenig.


    Die Flammen des Wächters umspielten ihn und die Tür schwang auf.

    „Wenn Ihr es genau nehmen wollt: Man spricht es [ˈgal.vɪn]. Das e am Ende ist stumm.“

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  • Etwa drei Stunden waren vergangen, als Galwine wieder an die Oberfläche kam. Er wirkte zwar deutlich müder als zuvor, dafür hatte sich aber eine gewisse gespannte Erwartung und ein vorsichtiger Triumph in seinen Blick geschlichen. In der Hand hielt er vorsichtig eine sehr kleine Schriftrolle.


    Oben angekommen grüßte er erneut die Wachen, passierte sie und schloss die Tür hinter sich.


    Dies würde ihn noch eine Weile beschäftigen. Aber vielleicht hatte das, was ihm von seiner Mutter geblieben war, doch endlich auch sein Gutes. Vielleicht hatte auch Gwaew-Gedo damals mehr getan, als man sehen konnte. Die Unruhe war verflogen und seine Hand fühlte sch wieder völlig normal an. Für heute würde er es dabei bewenden lassen.


    In dieser Nacht drang kein Gesang mehr durch die Tür.

    „Wenn Ihr es genau nehmen wollt: Man spricht es [ˈgal.vɪn]. Das e am Ende ist stumm.“