Nachspiel

  • Wo: In den Gemächern des Protektors in der Großen Halle in Exilia

    Wann: Kurz nach dem „Treffen unter Gleichgesinnten 1“

    Wer: Mahr und Galwine, andere auf Anfrage


    Nach der Zusammenkunft auf Einladung Kjonas in Paulos Trutz, die so sehr von Ro Yaros Aktivitäten überschattet worden war, hatte Galwine sich kurz Zeit genommen, einen Bericht für ihre Exzellenzen zu verfassen, und war dann umgehend mit seinem Gefolge aufgebrochen, um nach Exilia zurückzukehren, wo noch immer große Aufregung herrschen musste. Sie hatten ein wenig länger gebraucht, weil die meisten nicht zu Lark unterwegs waren, sondern auf Pferden ritten. Vadania hatte sich ihnen angeschlossen und begleitete sie nach Exilia. Ihre Motivation hatte Galwine, wie so oft, nicht gänzlich zu entschlüsseln vermocht, sich aber darauf verlegt, sie als Geleitschutz zu betrachten, für den er nicht undankbar war.


    Sie hatten Glück gehabt und auf der Straße lediglich unzählige Spuren der ausgebrochenen Larks sehen können. Eine Begegnung mit einem marodierenden Riesenvogel war ihnen erspart geblieben, und es hatte nicht lange gedauert, bis sie auf die Larkreitereskorte stießen, die sie den Rest des Weges zurückbegleitete.

    Es war noch nicht Mittag gewesen, als sie in Exilia eintrafen. Galwine hatte sich umgehend in der Großen Halle einen Bericht der Hauptleute und der Stadtmeisterin geben lassen. Inzwischen hatte man einen deutlich besseren Überblick über die Situation, als der Brief, den er erhalten hatte, vermuten ließ. Offenbar war der größte Teil der gut ausgebildeten Larks der schweren Kavallerie nicht in Panik verfallen und sogar in den Stallungen geblieben, sodass diese Tiere genutzt werden konnten, die entlaufenen Larks zu verfolgen. Auf diese Weise waren schon nicht wenige wieder zurückgebracht worden. Trotzdem fehlte noch immer ein erheblicher Teil der Herde und manche der Tiere hatten sich nicht einfangen lassen, sodass sie getötet werden mussten. Es war ein erheblicher Schlag für den Larkbestand in Exilia und es wurden bereits Überlegungen angestellt, ob man die Zucht wieder intensivieren sollte. Theodor Grävalk hatte in seinem Brief von vier toten Exilanten und etlichen Verletzten berichtet. Später hatte man noch ein paar weitere, übel zugerichtete Leichname in den Larkstallungen gefunden. Offenbar handelte es sich dabei um die Eindringlinge, denn sie konnten nicht als Exilanten identifiziert werden und es wurde auch kein Exilant mehr vermisst. Eine hochgewachsene, dunkelhaarige Frau war nicht darunter. Eine Exilantin mit Namen Nyx war keinem der Anwesenden bekannt, doch war es naheliegend, dass sie in Exilia einen anderen Namen verwendete. Über die Erkenntnisse bezgl. Ro Yaros bewahrte Galwine vorläufig Schweigen. Er wollte verhindern, dass die Organisation zu viel Wind von möglichen Plänen bekam, die man gegen sie schmiedete.

    Nach dieser Besprechung war er zur Krankenstube gegangen, hatte nach den Verletzten gesehen und ihnen, soweit sie ansprechbar waren, Mut zugesprochen. Dann harte er die Hinterbliebenen der Verstorbenen besucht, ihnen, so gut er es vermochte, Trost gespendet, Unterstützung zugesichert und ihnen versprochen, die Toten würdig nach Norden zu schicken.

    Als die Sonne schon nah über dem Horizont stand, kehrte er schließlich in seine Gemächer zurück. Es gab noch etwas, das er heute erledigen musste.

    Lucanica Avia Inproelio hatte ihm berichtet, dass sich Mahr aktiv und mit gutem Erfolg an der Verfolgung der entlaufenen Larks beteiligte. Sie wurde aber gegen Abend zurück in der Stadt erwartet. Galwine ließ dem Stallaufseher einen kurzen Brief für sie zukommen, der sie darüber informierte, dass er sie noch an diesem Abend zu einem Gespräch über die Ereignisse der letzten Tage empfangen werde. Sie solle sich aber die Zeit nehmen, sich vorher ein wenig zu stärken und den Schmutz der Jagd loszuwerden.


    Den Wachen hatte Galwine die Anweisung gegeben, Mahr nicht aktiv aufzufordern, ihre Waffen abzulegen. Es schien ihm in diesem Fall zu leicht als Provokation oder Zeichen des Misstrauens verstanden werden zu können.

    Als Mahr eintrat, saß der Protektor auf seinem hohen Stuhl hinter seinem Schreibtisch. Die kleine silberne Schildkröte war wieder an ihren angestammten Platz auf einen kleinen Stapel Dokumente am südlichen Tischende zurückgekehrt, ein neues und etwas größeres Exemplar, das sich bei näherem Hinsehen als Vergrößerungslinse erwies, stand auf einer Karte am nördlichen Rand und vergrößerte einen Bereich westlich von Exilia. Dazwischen lag eine Reihe kleinerer Dokumente und Objekte.


    Er nickte leicht und sah sie schweigend und ernst an, als sie den Raum betrat und sich dem Tisch näherte. Zwar gab es mehrere Stühle an den Wänden, an einem kleineren Tisch und auf den Stufen der Empore vor dem Fenster, doch vor dem Tisch stand kein Stuhl. Sie schienen in dem Raum allein zu sein.

    Seine Arme ruhten auf der Tischplatte und er legte die Fingerspitzen seiner behandschuhten Hände aneinander.

    „Mahr…“ Er schien eine Winzigkeit zu zögern und sein Blick wurde für einen Moment deutlich freundlicher. „Lucanica sagte, dass du dich bei der Jagd auf die entflohenen Larks gut schlagen würdest. Sehr schön.“ Doch dann wurde wieder strenger und hob eines der kleinen Dokumente hoch, die vor ihm lagen. Er schien nun teilweise zu zitieren: „ Ja, ich verstehe, wenn ich es auch nicht billige, was du getan hast." Er legte es zurück an seinen Platz. "Aber das ändert nichts daran, wie du gehandelt hast. Du hast meinen ausdrücklichen Befehl ignoriert. Du warst in einer offensichtlich bedrohlichen Situation mit meiner Sicherheit betraut und hast es vorgezogen, deinen Posten zu verlassen. Als Feldwebel und Veteranin vieler Feldzüge bist du Vorbild vieler Exilanten. Erkläre dich!“

    „Wenn Ihr es genau nehmen wollt: Man spricht es [ˈgal.vɪn]. Das e am Ende ist stumm.“

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  • Sie brachte Xenthes noch einen Salatkopf, bevor sie zum Protector aufbrach. Ihr Lark putzte sich erschöpft das Gefieder und wurde erst munter, als sie mit den Blättern wedelte. Sie warf es ihm hin, tätschelte ihm die Seite und sah ihm einen Augenblick zu, wie er glücklich den Salatkopf zerfleischte. Tja, dachte sie. Das könnte ich sein. Schön wär’s. Ihr Körper brannte vor Müdigkeit von Kopf bis Fuß, als hätte sie wieder irgendeinen von Lyx’ merkwürdigen Tränken erwischt, die sie überall im Haus herumstehen ließ statt die Milch, die sie zum Brot trank. Ihre Ohren rauschten wie unten im Hafen das Meer, und hinter ihren Augen flirrte und juckte es.

    Dann riss sie sich zusammen und machte sich auf den Weg. Sie musste sich nicht mal Mühe geben. Sie war oft hier langgelaufen, auch oft nach dem Training mit den Larks, wann immer sie für den Protector Neuigkeiten über Ro Yaros gehabt hatte. Nur dass sie diesmal keine hatte. Wahrscheinlich hatte eher er selbst noch welche. Immerhin hatte sie keinen Mord verpasst.

    Lyx hatte ihr den Kopf und dann das Gesicht gewaschen und sie geküsst und weil Mahr heulend darauf bestand, ihre Mütze aufgesetzt, auch wenn sie über ihr gestohlenes Buch viel wütender war, nicht nur, dass Ro Yaros es gestohlen hatte, sondern dass Mahr es dem Protector überlassen hatte. Mahr hatte ihr fest versprochen, es mit zurückzubringen. Falls es was zurückzubringen gab. Sie hatte ihre einzige Wechselgarnitur übergezogen und einen Moment gezögert, dann aber das Kurzschwert umgegürtet. Man konnte nie wissen, wie die jüngsten Ereignisse gezeigt hatten.

    Sie war so müde, dass sie Mühe mit den Stufen hatte. Sie schleppte sich rauf und drückte oben die Hände ins Kreuz wie ein alter Mann, dass es irgendwo knackte. Dann machte sie sich etwas gerader, straffte die Schultern und blinzelte verkrampft, für die Wachen. Sie würde sich so wenig Blöße geben wie möglich. Wobei der Zorn ihr half. Er ließ sie nie im Stich. Er wusch über sie wie eine sanfte Welle einem in den Rücken schlägt, und trug sie die letzten Meter.

    Sie wurde inspiziert. Natürlich. Was immer sie alles schon wussten. Was immer ganz Exilia schon wusste. Also sah sie sie mit ihrem grimmigsten Versuch es gar nicht erst-Blick an. Keine Spielereien. Kein Gezwinker. Machte die Arme breit wie immer, damit sie sehen konnten, was sie an Waffen trug, und als sie sich eine Reaktion verkniffen und sie bloß durchließen, ging sie ohne einen Blick zurück rein.

    Drinnen, als er sie ansah und ansprach, fiel der Zorn von ihr ab. Nicht ganz, aber fast. Einerseits, weil sie selten wütend auf den Protector war. Das vorhin war eine Premiere gewesen, aber eine spektakuläre. Sie hatte die Überraschung, ja das Entsetzen in seinem Blick gesehen, als sie sich umgedreht hatte, die Überwindung in seiner Stimme, mit der er ihr Vernunft befahl, rationales Denken und was noch alles. Sie war selbst überrascht gewesen.

    Wenn sie schon tot ist, kannst du ihr ohnehin nicht mehr helfen.

    Ihre Hand ballte sich zur Faust. Sie sah ihn an und bemerkte, dass sie durch ihn hindurchstarrte und den Anfang verpasst hatte. Den freundlichen Anfang, seinem Tonfall nach. Sie ruckte sich zurecht und sah noch einmal wacher aus. Legte eine Hand an die Gürtelschnalle, wie sie es immer tat, wenn sie nicht richtig wusste, wohin mit ihren Händen – ein Trick, den Lucanica einmal im Plauderton verraten hatte, wenn man nicht aggressiv, aber auch nicht ablehnend wirken wollte, auch wenn sie es bis heute nicht verstand –, und sagte müde und fest: "Ich kann mich nicht besser erklären als bisher. Ich bin froh, euch alle wiederzusehen. Lebend. Wäre euch irgendwas zugestoßen, es wär meine Schuld gewesen. Ich hätte nicht gehen dürfen. Nicht trotz Befehl und auch ohne Befehl nicht. Das weiß ich. Das ist mir alles klar. Das muss mir keiner sagen. Jedem meiner Männer und Frauen würde ich das Fell abziehen. Gestern noch hätt ich geschworen, für nichts in der Welt Exilia im Stich zu lassen. Euch nicht und die Stadt nicht. Aber dann hab ich es gemacht. Sobald ich ihre Mütze gesehen habe. Wie Ihr natürlich wisst." Und ich würde es wieder tun, dachte sie, sofort, jetzt in diesem Moment. Wenn hier wer einen Trick für mich vorbereitet hat, eine kleine Falle, um meine Loyalität zu testen, dann war’s das jeden Moment. Aber sie sagte: "Ich kann nicht mehr sagen. Ohne sie bin ich nichts. Ohne sie will ich nicht hier sein. Oder sein. Auch nicht in Exilia. Und ich kann nicht sagen, wie leid es mir tut, weil jetzt weiß ich, dass ihr nichts passiert ist. Dass es ein Trick war. Jetzt weiß ich das natürlich. Es war dumm und leichtsinnig von mir und hätte eh nichts gebracht, wie Ihr gesagt habt. Das kann ich jetzt sehen. Das konnte ich vorher nicht. Nicht, während ich hierher bin. Nicht, bis ich sie gehört und gesehen habe. Das ist alles, was ich sagen will. Außer, Ihr wollt noch was wissen. Dann akzeptier ich meine Strafe. Wenn Ihr sie schon wisst. Ich schlage nichts vor. Ich akzeptier’s." Sie atmete tief durch. Bewegte möglichst unauffällig die schmerzenden Schultern, um ihren Rücken zu entlasten. "Und wenn ich das Schwert niederlegen muss, dann tu ich’s auch, aber nicht, bevor ich Ro Yaros nicht den Kopf von den Schultern geschlagen habe."

  • Während sie sprach, nickte er immer wieder leicht, zum Zeichen, dass er sie verstand und um sie aufzufordern, weiterzureden.

    Er schien nicht unzufrieden mit dem, was er hörte und bei ihrem letzten Satz stahl sich so etwas wie ein grimmes Lächeln auf sein Gesicht, das aber auch schnell wieder verschwand. Er hatte Neuigkeiten für sie, Ro Yaros betreffend, die ihr bestimmt gefallen würden, aber das musste noch ein bisschen warten.

    Er wartete einen kurzen Augenblick ehe er antwortete. Vielleicht um ihr Zeit einzuräumen, dem Gesagten noch etwas hinzuzufügen, aber auch, um zu sortieren, wie er sich äußerte. Es gab so viel, das er gleichzeitig sagen wollte.

    Schließlich begann er: „Auf die Gefahr, mich zu wiederholen: Ich habe Verständnis für dein Handeln.“

    „Obwohl ich niemanden habe“, schoss es ihm durch den Kopf. Aber er zügelte sich und sprach es nicht aus. Er brauchte ihr nicht zu zeigen, dass sie ihn damit getroffen hatte. Dachten die anderen Exilanten auch so? War das überhaupt etwas, worüber man sich Gedanken machte oder gar das Maul zerriss? Bisher hatte er - ein wenig naiv- angenommen, das wäre einzig seine persönliche Angelegenheit.

    Stattdessen fuhr er fort: „Dennoch war es, wie du inzwischen offenbar eingesehen hast, ein Fehler. Und auch einer, mit dem Ro Yaros gerechnet hatte. Aber dazu später mehr.“

    Er holte Luft.

    „Ich schicke voraus:“ Er nahm sie jetzt mit ein wenig Mühe über den Rand seiner Brille noch fester in den Blick, wie um seine Worte zusätzlich zu unterstreichen. “Ich glaube, dass diese Ro Yaros-Angelegenheit deiner militärischen Karriere sehr zuträglich sein kann.“

    Damit ihr dieser Satz bei allem was noch folgen würde, im Gedächtnis blieb, machte er eine winzige Pause, änderte die Kopfhaltung und fuhr dann etwas geschäftsmäßiger fort:

    „Aber: Du bist Soldatin und wir können nicht zulassen, dass Befehlsverweigerung in den Reihen der exilianischen Soldaten als vernachlässigbares Vergehen angesehen wird. Daher musst du angemessen zur Rechenschaft gezogen werden, besonders da deine Strafe eine Signalwirkung haben muss.“ Irgendwo in einem der Regale in seinen Gemächern lag eine Ausgebe von „Der Prinz von Hohenburg“ von Henrike de Kleb.

    „Ich hätte dir angesichts der Umstände sogar so viel Respekt entgegengebracht, deinen eigenen Vorschlag einer angemessenen Bestrafung zu berücksichtigen. Allerdings vermute ich auch, dass er härter ausgefallen wäre, als ich für unumgänglich halte.“

    „Wenn Ihr es genau nehmen wollt: Man spricht es [ˈgal.vɪn]. Das e am Ende ist stumm.“

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  • Seine Haltung straffte sich noch etwas mehr, er schien nun so groß, wie es seine sitzende Position erlaubte. Auf seiner Stirn bildete sich eine strenge Falte, als er verkündete:

    „Um dies führt kein vertretbarer Weg herum: Du wirst degradiert. Ab morgen hast du wieder den Rang eines einfachen Soldaten.“

    Es schmerzte ihn, denn Mahr hatte tatsächlich Führungsqualitäten, aber diese war der falsche Augenblick, das erkennen zu lassen. Deshalb fuhr er fort: „Du wirst Derek Ioreksons Zug zugeteilt. Dein eigener Zug wird aufgelöst, deine Männer und Frauen auf andere Züge verteilt.“

    Das war ein ungewöhnlicher Schritt. Fiel sonst einmal ein Feldwebel aus, wurde seinem Zug normalerweise einfach ein neuer Feldwebel zugeordnet. „Dein Feldwebelbarett darfst du heute noch tragen. Ich möchte, dass du nachher deinen Zug zusammenrufst und ihnen die Situation erklärst. Wer welchem Zug zugeteilt wird, kannst du nachher von Cubitor Gräfalk erfahren. Es schadet sicherlich nicht, wenn ihr anschließend ins Rothhorn geht.

    Morgen und übermorgen nimmst du an den regulären Übungen und Pflichten von Dereks Zug teil. Aus deinen Pflichten und deiner Verantwortung im Bezug auf Ro Yaros wirst du nicht entlassen. Deshalb brichst du anschließend - vorausgesetzt, wir beschließen nachher nichts anderes- nach Paulos Trutz auf und kümmerst dich um alles, was in dieser Angelegenheit zu unternehmen ist.

    In etwa einer Woche - und dies sind Informationen, die bisher bloß den Hauptleuten bekannt sind- wird, trotz all der Widrigkeiten, denen wir uns hier stellen müssen, ein erheblicher Teil des exilianischen Heeres, die Elite-Larkkavallerie und 10 Züge Protektoratswachen, aufbrechen und an dem Feldzug der vereinigten Heere des nördlichen Siegles gegen Xerath, die Festung des Schwarzen Eises im Osten von Kjona, teilnehmen. Auch Dereks Zug wird dorthin gehen und du wirst zu ihnen stoßen, wenn sie durch Paolos Trutz kommen. Es sind harte Belagerungskämpfe zu erwarten, aber es gibt guten Grund zur Hoffnung und eine Geheimwaffe auf unseren Seiten, die vermutlich eine rasche Entscheidung zu unseren Gunsten bewirkt. Deshalb wird der Weg dorthin und wieder zurück - so steht zu hoffen- den längsten Teil dieser Expedition in Anspruch nehmen."

    Wieder sah er sie so an, als wollte er sichergehen, dass sie die Bedeutung seiner nachfolgenden Worte auch ja richtig verstand:

    "Ich möchte, dass du das als Chance siehst, deine Fähigkeit, Befehlen zu folgen und deinen Wert für die exilianische Streitmacht unter Beweis zu stellen und erneut zu zeigen, dass das Vertrauen, das wir alle bisher in dich setzten, gerechtfertigt ist.“

    Er würde später auch noch mit Derek sprechen und ihn anweisen, ihr möglichst oft dazu Gelegenheit zu geben und den Hauptleuten ausführlich davon zu berichten, wie sie sich schlug.

    Er machte eine Pause und ließ sie diese Nachrichten erst einmal verarbeiten. Aber er war noch nicht fertig.

    „Wenn Ihr es genau nehmen wollt: Man spricht es [ˈgal.vɪn]. Das e am Ende ist stumm.“

  • "Überspitzt formuliert kann man also sagen: Du wirst degradiert und in den Krieg geschickt.


    Soweit der öffentliche Teil. Ich möchte aber, dass dieser Vorfall noch eine weitere Konsequenz hat:

    Ro Yaros hat dir eine Lektion erteilen können, weil er wusste, auf welchem Weg du angreifbar bist.

    Um die eigenen Schwächen zu wissen…“ Er korrigierte sich: „Zu wissen, wo man selbst verletzlich ist, kann von großem Wert sein. Denn es bedeutet, dass man sich wappnen oder vielleicht auch, dass man diese Lücken in der eigenen Verteidigung schließen kann.

    Verstehe mich recht: Liebe hat großes Potential und ich verlange nicht von dir, das du dich von ihr lossagst, im Gegenteil! Ganz abgesehen davon, dass spätestens deine Worte gerade zeigten, wie sinnlos das wäre. Sie hat dir die Kraft gegeben, dich über das hinwegzusetzen, was du bisher als höchstes Maß deines Handelns angesehen hast. Wir haben ihre destruktiven Auswirkungen gesehen. Durch sie hast du dich Befehlen widersetzt, deinen Posten verlassen und sehr viel aufs Spiel gesetzt. Aber richtig genutzt, kann sie deine Kraft, zukünftig für sie, für Exilia und damit- wie ich hoffe- auch wieder für mich zu streiten, sogar mehren.

    Ich bin lieber umgeben von Exilanten, die beflügelt von tiefster Überzeugung tapfer für das einstehen, was ihnen am Herzen liegt, als von Kriegern, die bloß ihrer Pflicht nachgehen. Und dass du ein herausragendes Beispiel dafür sein kannst, hast du wieder gezeigt.

    Ich sehe daher auch keinen echten Anlass, an deiner Loyalität zu mir zu zweifeln, bloß weil es eine in Exilia gibt, an die dein Herz stärker gebunden ist, als an mich. Anderen Soldaten geht es nicht anders.

    Trotzdem möchte ich so etwas deinerseits nicht noch einmal erleben müssen. Ich möchte, dass du dich zukünftig stärker darauf verlassen kannst, dass dein Verstand im richtigen Moment die Oberhand behält. Ich möchte deshalb nicht nur, dass du die nächsten Monate nutzt, um dir das einzuprägen, ich erwarte von dir, dass du diese Lücke in deiner Verteidigung schließt.

    Und nochmal: Nein, das bedeutet nicht, dass du der Liebe entsagen sollst! Ich möchte bloß, dass niemand mehr durch die leise Andeutung, es könnte Lyx nicht gut gehen oder gar durch die Behauptung, sie in seiner Gewalt zu haben, jegliches sonstige Pflichtgefühl aus dir vertreiben kann. Ich möchte, dass du, sollte es je wieder zu so einer Situation kommen, was wir hoffentlich zu verhindern wissen, auch wenn ich vermute, dass Ro Yaros es darauf anlegen wird, WEISST, wie es Lyx geht.


    Ich habe mich in den letzten Tagen mit Neira unterhalten und gelernt, dass es Bindungen zwischen Menschen - bewusstseinsgesegneten Lebewesen- gibt, die weit über eine emotionale Verbundenheit hinausgehen. Vielleicht ist sie selbst gerade nicht die geeignetste Lehrmeisterin, was diese Angelegenheit betrifft,“ er dachte daran, dass sie im Moment sehr unter einer Seelenbindung litt, die sie eingegangen war aber nun nicht zu lösen vermochte, „aber sie verdeutlichte mir, dass sie aufgrund einer Seelenbindung in der Lage ist, zu spüren, wie es um die Seele am anderen Ende dieser Bindung bestellt ist. Es wird auf Mythodea sicherlich noch andere geben, die dich lehren können, was genau eine solche Bindung bedeutet und vielleicht auch, wie man sie aufbaut."

    „Wenn Ihr es genau nehmen wollt: Man spricht es [ˈgal.vɪn]. Das e am Ende ist stumm.“

  • Mahr hörte sich alles an, wach und aufmerksam genug, um alles mitzubekommen und zu verstehen, aber auch so erschöpft, dass sie nicht mehr zu großen Reden fähig war. Nicht, dachte sie benommen, dass sie hellwach eine Szene hingelegt hätte, sich dramatisch ans Herz gegriffen oder dazwischengeredet, um noch einmal zu beteuern, dass es ihr leid tat. Aber so hielt sie ihre Gesten auf dem absoluten Minimum. Sie nickte, um ihm zu zeigen, dass sie verstand und akzeptierte, als er die Strafe nannte. Für alles andere, Überraschung oder Resignation, was sie zu fertig.

    Dann stand sie nur da, die Schultern verspannt, um gerade zu bleiben, hörte sich das alles an und mühte sich, Galwines einzelnen Punkten nicht sofort im Kopf hinterherzurennen: den blöden Hut abnehmen (gerade trug sie ihn eh nicht – sie musste ihn im Haus vergessen haben); es Lyx erzählen (Lyx, Lyx, Lyx, der irgendwer die Mütze von der Wäscheleine und das Buch aus der Alchemiestube gestohlen hatte, die sie nie aufräumte); ihren Leuten Bescheid sagen (jedem Gerede gleich den Riegel vorschieben; nüchtern bleiben; zusehen, dass die Streithähne verschieden verteilt wurden); zurück zu Derek (der erst nüchtern väterlich-streng und dann mit ein paar Bier intus sicher kumpelhaft mit ihr über die Sache würde reden wollen); zurück nach Paolos Trutz, den ganzen verdammten Weg, für Ro Yaros (Ich werde ihm die Fresse einschlagen, dachte sie und driftete für ein paar winzige Sekunden fast in diese sehr angenehme und sehr lebhafte Vorstellung ab); das Schwarze Eis (fast eine angenehme Abwechslung nach dem ganzen Mist).

    "Überspitzt formuliert", sagte Galwine, und sie zuckte jetzt doch etwas zusammen, "kann man also sagen: Du wirst degradiert und in den Krieg geschickt."

    Sie machte sich noch einmal etwas grader, weil er offenbar noch etwas Wichtiges ansprechen wollte. Das alles vorher hätte ihr dabei schon gereicht. Es war gerecht, nahm sie an, sicher sogar mehr als das, und sie hatte die Chance, sich schon bald erneut zu beweisen, was weitaus mehr war, als sie erwartet hatte, und sie wollte ihm vor allem nicht vor Erschöpfung vor die Füße kippen. Das würde er vielleicht verstehen, aber es würde trotzdem einen scheiß Eindruck machen.

    Aber jetzt fing Galwine von Schwächen und Liebe und Loyalität an, und darin war er immer gut gewesen. Mahr war keine Frau vieler Worte, weder der eigenen noch der anderer. Sie verwendete Fachworte falsch, vergaß Namen, verdrehte Sätze und verschluckte Silben wie die einfache Soldatin, zu der sie gerade degradiert worden war, auch wenn sie sich Mühe gab, wenn es sein musste (wie eben gerade). Aber sie erkannte durchaus, wenn jemand gut sprach. Und was Galwine sagte, berührte sie so sehr, dass es sie durch ihr brennendes Verlangen, endlich zu schlafen, regelrecht kalt erschreckte. Lyx – Exilia – Liebe – Zusammenhalt. Und er wollte nicht, dass sie ihr entsagte, er verlangte das nicht von ihr, die schlimmste aller Möglichkeiten, die in ihrem Unterbewusstsein darauf gelauert hatte, zurück in ihren Kopf zu schlüpfen: Entscheide dich – sie oder wir.

    Aber dann fing er von Seelenbindung an, und sie musste sich ein letztes Mal sehr zusammenreißen, um nicht ärgerlich die Stirn zu runzeln. Galwine sah sie erwartungsvoll an, und sie musste sich zweimal räuspern, ehe ihre Stimme nicht mehr furchtbar rau klang: "Ähm – gut. Ich – deswegen –" Tja. So viel zu meiner Silberzunge. "Ich spreche mit Lyx darüber. Gleich. Wegen der – der Seelenbindung." Sie räusperte sich noch einmal. Sie hatte sich beim Larkjagen offenbar heiser geschrien. Fantastisch. "Sie weiß da sicher mehr. Wegen Alchemie. Zu allem anderen will ich nur sagen, noch mal, dass ich’s akzeptier, und gern. Ich werd Euch – und sie – und überhaupt Exilia nicht wieder so enttäuschen." Hoffe ich. – Bei Terra, würde sie heute noch einen Gedanken zu Ende kriegen? "Ich beweis mich. Gegen das Eis und gegen Yaros. Und mich selbst", fügte sie hinzu, weil sie ihre Müdigkeit dazu ritt, etwas derart Rätselhaftes und potentiell Dämliches zu sagen. "Ich danke Euch für – also, für die Gelegenheit und für alles. Und für alles, was Ihr gesagt habt. Ich melde mich in wenigen Stunden zurück, wenn das in Ordnung ist."

  • Mahrs Erklärungen fielen kaum anders aus, als er erwartet hatte- wenn auch deutlich stockender. Ihm blieb genug Zeit, immer wieder bestätigend leicht zu nicken. Doch bei „Und mich selbst“ geriet er selbst ins Stocken und ein Anflug von Unverständnis huschte über sein Gesicht. Da sie jedoch weitersprach, blieb ihm nicht lange Gelegenheit, über diese Äußerung nachzudenken und sein Gesichtsausdruck kehrte für einen Moment zu dem ernsten, aufmerksamen Wohlwollen zurück, ehe: „Ich melde mich in wenigen Stunden zurück, wenn das in Ordnung ist.“ Er war perplex. Er zitierte sie hierher, um ihr eine Standpauke zu halten und ihre Strafe zu verkünden und sie bestimmte eigenmächtig, wann dieses Gespräch vorbei war?

    Das war so dreist, dass es schon wieder anfing, ihn zu erheitern. Sie musste sich schon in einem ziemlichen Ausnahmezustand befinden, um ihm so zu begegnen.

    Dann drang mit einem Mal eine Erkenntnis zu ihm durch, die er zuvor geflissentlich in sein Unterbewusstsein verbannt hatte:

    Mahr war wirklich müde. Bei genauerer Betrachtung hätte es ihm schon vorher auffallen können: Ihre Haltung, ihr Blick, die Art, wie sie sprach- alles zeugte davon.

    Er selbst war es nicht. Im Gegenteil: Dass er den unangenehmen Teil dieses Gesprächs hinter sich gebracht hatte, beflügelte ihn und erfüllte ihn mit Tatendrang. Er hatte geplant und sich darauf gefreut, Mahr an dieser Stelle einen Sitzplatz anzubieten, eine kleine Stärkung kommen zu lassen und das Gespräch in angenehmere Bahnen zu lenken, indem er ihr von den Ereignissen nach ihrer Abreise aus Paulos Trutz berichtete, sie über die jüngsten Erkenntnisse zu Ro Yaros informierte und schließlich mit ihr einen Plan ausarbeitete, wie in dieser Sache weiter zu verfahren sei. Er dachte an die Dokumente, die auf dem Tisch vor ihm lagen. Manches davon war von hohem Interesse, anderes mindestens von hohem Wert.

    Er war ein bisschen enttäuscht. Aber schließlich konnte er ihr nicht befehlen, wacher zu sein.

    Und für diese Angelegenheit wollte er ihre volle Aufmerksamkeit. Außerdem konnten sie auch noch ohne Probleme einen Tag warten. Vorsorglich würde er seinen Wachen Anweisung geben, in der Zwischenzeit besonders vorsichtig bei hochgewachsenen, dunkelhaarigen Frauen zu sein, selbst wenn sie schon lange in Exilia bekannt waren, aber ohne, dass diese etwas bemerkten. Vielleicht würden sie morgen beschließen, aggressiver nach der Person zu fahnden, die Brendon Grünschlag beschrieben hatte, aber er wollte nach Möglichkeit vermeiden, schlafende Hunde zu wecken. Dann entsann er sich der entlaufenen Larks. Vermutlich schliefen die Hunde nicht mehr.

    Seine Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Es schien kaum Zeit vergangen zu sein.

    Er überlegte kurz, ob er Mahr zurechtweisen musste, entschied dann aber, dass seine Erheiterung sowohl seine Enttäuschung als auch die Verletzung der Etikette überwog und sie heute schon genug zu hören bekommen hatte. Ganz abgesehen davon, dass sie offenbar ohnehin so sehr neben sich stand, dass diese Botschaft kaum ankommen würde. Deshalb sagte er lachend: „Ja, das ist in Ordnung. Du hast heute noch ein bisschen was zu erledigen und der morgige Tag bringt neue Herausforderungen mit sich. Ich will dich nicht aufhalten.

    Komm morgen Abend, wenn du deine Pflicht getan hast, hierher zurück und wir besprechen, wie es weitergeht.“

    „Wenn Ihr es genau nehmen wollt: Man spricht es [ˈgal.vɪn]. Das e am Ende ist stumm.“