Auszug aus dem Kampagnenspiel: Myrhenkas Tat

  • Vorbemerkung:

    Dies ist ein Ausschnitt aus dem Kampagnenspiel. Die Episode ist abgeschlossen und soll der allgemeinen Unterhaltung dienen. Die Beiträge unterschiedlicher Autoren (Kampagnen-SL und ich) habe ich durch Trennstriche gekennzeichnet.

    Die Existenz Myrhenkas ist kein Geheimnis, wird aber auch nicht an die ganz große Glocke gehängt. Wie viel eure Charaktere davon wissen, bleibt natürlich eurer Einschätzung überlassen.


    Myrhenkas Tat [Beginn Holzmond 14 | Anfang Oktober '16]


    Zu Beginn des Holzmondes verspürte die Stadt Exilia ein durchdringendes Zittern. Erste Befürchtungen, dass sich Myrhenka rühren und die Stadt zum Einsturz bringen würde, bewahrheiteten sich glücklicherweise nicht. Mehrmals zitterte der Boden jedoch innerhalb der nächsten Stunde als wenn sich in weiter Ferne etwas tun würde.


    Dann geschah jedoch etwas in dem Graben. Das Abbild Myrhenkas bewegte sich, stützte sich aus der Grabenwand hinaus und die ganze Stadt erschütterte unter seinen Bewegungen. Das Elementar setzte sich in Bewegung und begann sich schnellen Schrittes den Graben nach Westen entlang zu schieben und hangeln. Am Ende angekommen, ließ sich dieser riesige Brocken beweglichen Steines an der Steilküste hinab gleiten und in das Wasser sinken bis er bis zur Häfte eingesunken war und begann seinen Marsch. Direkt steuerte er auf die Einfahrt der Höhle zu. Die Wellen, die er dabei erzeugte drohten die Kais und den Höhlenhafen zu überschwemmen. In der Höhlenöffnung stehen begann er an den Wänden der Öffnung zu zerren!


    Wollte er die Höhle nun zum Einsturz bringen und die Exilanten für den Grabenbau bestrafen? Tausende würden in das Meer stürzen, wenn die Höhle kollabieren würde. Merkwürdigerweise Riss er große Brocken aus den Wänden und platzierte sie um, ohne dass die Höhle stürzen würde. Zwischendurch tauchte er kurz vor der Höhleneinfahrt ab und tauchte mit riesigen Felsen wieder auf, womit er die Einfahrt immer weiter zubaute und versperrte bis nur noch eine schmale einfahrt von vielleicht 20 Metern Breite und Höhe übrig blieb. Schließlich wurde es in der Höhle dunkel als sich das Erdelementar in diesen Eingang einfügte und somit die Höhle verschloss. Es wurde still. Nur noch leichtes Rieseln von Sand und Steinen sowie seichte Wellen waren in der Höhle zu hören.


    Von Außen betrachtet, konnten die Beobachter auf Führungsbooten und Schiffen es kaum glauben. Die Felsen, welche das Elementar an die Steilklippe gedrückt hatte, um den Einfahrt zu verkleinern und zu versperren, hatten sich nahtlos und wie natürlich in den Stein eingefügt, als wäre die Küste hier schon seit Generationen so unverändert gewesen. Dann ein lautes Signal von den Klippen Exilias und der warnende Schrei eines Ausgucks im Mast.


    Kaventsmann! Kaventsmann!


    Kurz darauf bellten die Kapitäne Befehle zum Beidrehen. Eine große Welle kam von Westen her parallel zur Küste laufend. Sie war wirklich groß. 20-30 Meter wurde später geschätzt. Erst die erste, dann die zweite und dritte Wellen in dieser Größe stürtzen an der Steilküste entlang. Es folgten noch weitere große Wellen, welche jedoch eher mit Sturmwellen vergleichbar waren und längst nicht so gefährlich.


    Am Abend war das gröbste vorbei und Myrhenka erhob sich, gab die Höhleneinfahrt wieder frei und verbreiterte die Einfahrt wieder jedoch nur auf maximal 50 Meter. Danach erklomm er die Klippe und betrat Exilia über die Klippe auf die große Wiese im Osten der Stadt, sichtlich erschöpft jedoch achtsam nichts zu beschädigen. Letztlich hockte er sich auf die Wiese mit weitem Blick auf die Stadt selber (nach süd-westen gerichtet) und bewegte sich nicht mehr und war wie versteinert.


    Im Nachhinein fragen sich die Arbeiter im Graben auch immernoch was passiert war und wie genau es passieren konnte, als Myrhenka sich aus dem Graben erhoben hatte. Es war kein Loch geblieben, nur eine glatt abschließende Grabenwand, wo er sich vormals hineingedrückt hatte.


                                                                                                  


    Furcht und Erstaunen hielten sich bei den Exilanten lange Zeit die Waage. Mit Fassungslosigkeit und Staunen hatten sie die Bewegungen Myrhenkas beobachtet, angesichts solcher Naturgewalt zumeist gebannt und bewegungslos ihrem Schicksal ergeben, in wenigen Fällen aber auch eine rasche Flucht vorbereitend. Dass der Gigant so mühelos die Klippen herab- und wieder hinaufklettern konnte, ließ manchen zweifelnde Blicke auf die stolzen Mauern der Stadt werfen. Welchen Schutz konnten sie angesichts solcher Mächte bieten? Auch der Graben schien mit einem mal keineswegs mehr sobeeindruckend und schutzversprechend, wie zuvor. Zwar hatte man sich allgemein in den letzten Monaten immer mehr an die Gegenwart Myrhenkas gewöhnt und es sogar weitgehend geschafft, ihn im alltäglichen Leben nicht mehr als permanente Bedrohung wahrzunehmen, doch war das leicht gefallen, solange er sich nicht bewegte. Dass entgegen aller Befürchtungen nicht der Großteil der Lichten Mitte dem Erdboden gleichgemacht wurde, als er es nun doch tat, bemerkten viele Exilanten erst Stunden nachdem sich das Wetter und Meer wieder beruhigt hatten. Sie strömten auf die Brücke am Westtor und blickten staunend auf die völlig intakte Grabenwand, die nicht den leisesten Hinweis darauf zeigte, vor kurzem noch größtenteils aus dem lebendigen Relief eines Steinriesen bestanden zu haben. Doch kaum einer konnte sich lange auf diesen Anblick konzentrieren, denn selbst von hier aus waren der Kopf und große Teile des Oberkörpers des Golems zu sehen, der nun, wie es schien wieder völlig friedlich und bewegungslos, auf der großen Wiese saß.


    In all dem Schrecken, der Myrhenkas ersten Bewegungen folgte, schafften es doch ein paar Exilanten, dem Protektor über die Lage Bericht zu erstatten. Angesichts der zu erwartenden Aussichtslosigkeit eines solchen Unterfangens und der Möglichkeit, dadurch alles bloß zu verschlimmern, gab er den strikten Befehl aus, Myrhenka auf keinen Fall anzugreifen. Stattdessen sollten die Stadtbezirke in seiner unmittelbaren Umgebung, allen voran der südliche Abschnitt der Lichten Mitte evakuiert und die Bewohner in die höheren Abschnitte der Stadt gebracht werden.


    Zwar wurde seinem Befehl Folge geleistet, doch blieb fraglich, wen er überhaupt erreicht hatte. Myrhenka erreichte den Hafen gewiss schneller als jede Nachricht aus der Großen Halle (die Wurfpost durch das Gangsystem war zwar schnell, die Zeit, die es dauerte, die Nachricht aufzuschreiben, angemessen zu authentifizieren, zu verpacken, abzuschicken, dem Empfänger zuzustellen, zu lesen und schließlich den Befehlsempfängern zu übermitteln, sorgte aber dafür, dass Myrhenka schon mit seinem Werk begonnen hatte, ehe sie ankam), doch unterließen die Wachen im Hafen auch ohne diese ausdrückliche Ermahnung unüberlegte und eigenmächtige Handlungen. Die Evakuierung der Lichten Mitte kam erst richtig in Fahrt, als Myrhenka schon in der Hafeneinfahrt stand.


    Als ihn die Nachricht von Myrhenkas Bewegungen erreichte, war Galwine zunächst auf das Dach der Großen Halle gerannt, als er Myrhenka von dort kurz darauf nicht mehr sehen konnte, weil er bereits die Klippe hinabkletterte, war er zur Promenade der Unsterblichen geeilt und hatte das weitere Geschehen von dort verfolgt.


    Insbesondere in der Zeit, die verstrich, nachdem Myrhenka die letzte Lücke der Hafeneinfahrt geschlossen hatte und bevor der Ruf des Ausgucks dünn an seine Ohren getragen wurde, war er von umstehenden mit angstvollen Fragen bestürmt worden, während die gleichen Ungewissheiten auch in seinem Inneren tobten. Er konnte keine dieser Fragen beantworten.


    Als die gewaltigen Wellen gegen die Küste schlugen, hatten sich Furcht und Sorge nocheinmal verstärkt. Doch als die letzte Welle an der Stadt vorübergezogen war, hatte sich ganz langsam und allmählich so etwas wie eine, zunächst sehr vorsichtige, Erleichterung und Erkenntnis eingestellt. Plötzlich wusste er wieder was zu tun war.


    Umgehend schickte er einige Exilanten hinab in die Unterstadt und zum Hafen, um in Erfahrung zu bringen, wie es dort stand.


    Dann wandte er sich an Lucanica, die Hauptfrau der Larkkavallerie, die nahebei stand: „Ich brauche einige sehr schnelle Boten“, sagte er. „Ich möchte, dass sich drei Larkreiter nach Westen auf den Weg machen. Die großen Wellen liefen recht parallel zur Küste. Das ehemalige Aratanashi hat bestimmt auch etwas abbekommen. Ich möchte wissen, wie es dort steht, insbesondere am Hafen von Utamakura und ob man dort unsere Hilfe benötigt. Und falls das herauszufinden ist, möchte ich erfahren, was diese Wellen ausgelöst hat. Drei Reiter sollen zunächst nach Avis Liberis reiten und sehen wie es um Stadt und Land steht. Ich mache mir um die Stadt selbst keine so großen Sorgen und auch der Marmorsteinbruch liegt vermutlich zu hoch, um Schaden davongetragen zu haben, aber ich möchte, dass die Avis Liberier verstehen, dass wir uns um sie kümmern. Mahr soll eine der Reiterinnen sein. Sie hat zwar noch nicht besonders viel Erfahrung mit ihrem Lark, aber die Avis Liberier kennen sie und vertrauen ihr hoffentlich. Wir werden nicht schnell genug sein, um die anderen Protektorate zu warnen, aber auch den Küstenprotektoraten östlich von uns, sollten wir unsere Hilfe anbieten - so wir denn welche gewähren können.“ Das letzte sagte er bloß leise zu sich selbst. Eigentlich hatte er bereits alle Hilfe, die Exilia leisten konnte, nach Süden und in die vom Wintereinbruch besonders betroffenen Gebiete geschickt. Dies waren schwere Zeiten. Sie würden sehen müssen, was sich machen ließ. „Deshalb sollen wenigstens zwei Reiter von Avis Liberis weiter nach Ulfednarsheim reiten“, fuhr er fort. „Zuletzt: ich möchte, dass zwei Reiter nach Paolos Trutz reiten. Sie sollen dem Palast von der Flutwelle berichten, vor allem aber möchte ich, dass sie nach Dorna Ausschau halten und sie so schnell wie möglich hierher bringen! Jedes Wissen über Wesen wie Myrhenka und wie man mit ihnen kommunizieren kann, können wir nun dringend gebrauchen.“



    „Wenn Ihr es genau nehmen wollt: Man spricht es [ˈgal.vɪn]. Das e am Ende ist stumm.“

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  • Kaum war Lucanica mit diesem Anweisungen verschwunden, regte sich unten an der Küste wieder etwas. Myrhenka gab die Öffnung frei und begann seinen gemächlichen Aufstieg an der Klippe, die ihn um etwa das vierfache seiner Körperhöhe überragte. Dies war der Zeitpunkt, da einige Exilanten genug hatten, ihren Gedanken an Flucht in die Tat umsetzten und mit dem wenigen, von dem sie sich nicht trennen wollten, in aller Eile die Stadt nach Westen verließen, um in Silvarode Zuflucht zu suchen. Man hinderte sie nicht. Wenige Tage später kehrten die ersten von ihnen, ein wenig beschämt, doch in erster Linie erleichtert, nach Exilia zurück. Es wurde allgemein kein großes Aufheben davon gemacht.


    Es wurde eine weitgehend schlaflose Nacht für Galwine, wie für wohl die meisten anderen Exilanten. Die Lichte Mitte war wieder freigegeben worden, dafür hatte man, als sich Myrhenka auf der großen Wiese niedergelassen hatte und kein Anzeichen gab, sich demnächst wieder bewegen zu wollen, begonnen, das Handwerkerviertel vorläufig zu räumen. Den Wachen war Anweisung gegeben worden, das möglichst ruhig und gelassen zu erledigen und bei aller Aufregung gelang es doch ohne viel Lärm und Unruhe, allen Handwerkern neue Nachtquartiere zuzuweisen. die Große Wiese wurde abgesperrt und alle erhielten Anweisung, sich Myrhenka nicht mehr als 30 Meter zu nähern.


    Galwine hatte einiges zu bedenken, kam aber immer wieder und unausweichlich zu dem Schluss, dass er nun selbst handeln musste. Das war er den Exilanten schuldig, das gebot aber auch schlicht die Höflichkeit. Gegen alle Vernunft hoffte er, dass Dorna noch rechtzeitig nach Exilia zurückkehrte und ihn mit hilfreichem Wissen auf die Begegnung vorbereiten könnte, doch eigentlich wusste er, dass das nahezu ausgeschlossen war.

    Er gab noch ein paar Anweisungen.

    Morgen würde er zu Myrhenka gehen.



    Gegen Mittag des darauffolgenden Tages öffnete sich das Tor der Großen Halle und Galwine erschien auf der Schwelle.


    An der Spitze einer kleinen Prozession passierte er den äußeren Torbogen in der Mauer, die den Bezirk der großen Halle umgab und wandte sich dann in Richtung der Hauptstraße. Er zeigte eine entschlossene Mine, bemühte sich aber auch Freude, Dankbarkeit und Zuversicht auszustrahlen. Nicht wenige Exilanten beobachteten den Zug und Galwine blickte den ein oder anderen freundlich an und schaffte es sogar meist, zu lächeln, doch sooft die höheren Häuser und Türme ihm die Sicht nicht versperrten, sah er direkt zu Myrhenka herüber und hielt den Blick auf ihn gerichtet.


    Hinter ihm lief Cubitor Theodor Gräfalk, der im Moment in vergleichsweise guter Verfassung war. Die Wintermonate schienen seiner Gesundheit gutzutun und Galwine hatte ihn gebeten, mitzukommen. In den Armen trug er eine längliche Kiste und an seiner Seite ging Lucanica Avia Inproelio mit eher wachsamer Mine und einem Blick, der abwechselnd auf Galwines Hinterkopf, Myrhenka und dem wackeren Krieger neben ihr ruhte. In ihrer Hand hielt sie einen kleinen Bannermast mit beschlagenen Spitzen, dessen Zweck jedoch durch keinerlei Wappen, Banner oder Zeichen verraten wurde. Hinter ihnen folgte ein Soldat, der ein Banner Exilias an einer langen Stange über ihren Köpfen schweben ließ. Acht Soldaten der Kavallerie gingen als Ehrengarde hinterdrein, gefolgt von vier Meistern der Zünfte Exilias (Hetzbold van Grimmich war nicht aufzuspüren gewesen).


    Auf dem Großen Markt hatten sich einige Schaulustige versammelt, die sich ebenfalls anschlossen, sobald die Gruppe sie passiert hatte. Galwine hatte das Ereignis nicht ankündigen lassen. Er war sich nicht einmal sicher, ob es eine gute Idee war, so viele Exilanten dabeizuhaben, aber er hatte auch kein Geheimnis daraus gemacht und so war es keine Überraschung, dass sich die Nachricht in den vergangenen Stunden rasch verbreitet hatte. Doch nicht wenige des spontanen Gefolges bogen kurz darauf wieder ab, um die Mauern über dem grünen Graben zu erklimmen, während die Prozession das Tor durchquerte, den Schandplatz, auf dem sich bereits andere Schaulustige versammelt hatten, passierte und nördlich an Valentins Wacht vorbeigehend in die Turmstraße einbog. Etwa auf Höhe der Nordwindkreuze hatte sich bereits eine solche Menge versammelt, dass sich die Exilanten in die Hauseingänge und an die Wände drängen mussten, um für Galwine und sein Gefolge eine Gasse zu bilden. Die Große Wiese war noch immer für jeden gesperrt.


    Als Galwine ihren Rand erreichte, blieb er kurz stehen, damit die Übrigen aufschließen konnten.

    Die Gedanken, die ihn in den vergangenen Monaten seit Myrhenkas erstem Erscheinen, während der vergangenen Nacht und auch noch auf dem Weg hierher immer wieder beschäftigt hatten- Wer war Myrhenka? Wie konnte man mit ihm kommunizieren? Offenbar konnte er seine Stimme in den Köpfen seiner Zuhörer erschallen lassen. Hieß das auch, dass er unausgesprochene Antworten aus den Köpfen heraushören konnte? Woher wusste er von der Flutwelle? Woher wusste er um die Bedeutung des Hafens und der Anwesenheit so vieler Siedler dort, deren Leben er gerettet hatte?- waren plötzlich wie weggeblasen. Er stand Myrhenka gegenüber. Gut vierzig Schritte trennten ihn noch vom Fuß des Geschöpfes.


    Myrhenka schien geradewegs auf ihn herabzusehen, höher als der höchste Turm, vielleicht sogar selbst auf dieser niedrig gelegenen Wiese die Große Halle überragend, obwohl er sich, soweit Galwine sagen konnte, seit dem gestrigen Tag nicht mehr gerührt hatte. Er riss seinen Blick von Myrhenkas Antlitz los und ließ ihn über die kleinen Punkte der Gesichter gleiten, die über die Brustwehr der äußeren Mauer über dem Grünen Graben spähten. Dann wandte er sich der andren Seite zu und blickte zu den Exilanten herüber, die sich auf den äußeren Mauern drängten. Es mussten über tausend Exilanten versammelt sein. Die kleinen Schwaden ihres in der Kälte kondensierenden Atems schienen in der Luft zu schweben. Der Wind hatte sich gelegt. Es war vollkommen still geworden.


    Myrhenkas Gesicht fixierend, atmete Galwine noch einmal tief doch leise durch, sammelte sich und schritt allein auf die Große Wiese. Das gefrorene Gras knirschte unter seinen Schritten.

    Als er etwa die Hälfte der Distanz zurückgelegt hatte und Myrhenka gerade noch ins Gesicht sehen konnte, ohne den Kopf schmerzhaft weit in den Nacken legen zu müssen, blieb er stehen.

    Nach einer kurzen Pause hob er die Stimme und sagte laut, sodass man ihn auch auf den Mauern verstehen konnte:


    „Sei mir gegrüßt, Myrhenka!

    Ich bin Galwine Camdagnir, dem dieses Land durch ihre Exzellenz Ka’Shalee Zress, die Nyame des Nordens, zur Verwaltung überlassen wurde.

    Ich bin gekommen, dir im Namen aller Bewohner dieses Protektorats unsere tief empfundene Dankbarkeit auszudrücken. Ich heiße dich wahrlich willkommen und einen Helden Exilias!“


    Dann wartete er, genau wie die zahlreichen Zuschauer, ab, was geschehen würde.


                                                                                


    Aus dem Schoß Myrhenkas schälte sich ein Wesen, Wurzeln glitten aus der Erde und formten sich zu einer kleinen humanoiden Gestalt. Sein Gesicht war nur entfernt menschlich, ein angedeuteter Mund, Nase und Augen gaben ihm ein vertrautes Äußeres.


    Er dankt euch für eure Worte...... und sendet euch sein Wohlwollen und Terras Segen...


    Kurz verstummte die Gestalt und drehte seinen Kopf zu Myrhenka, dann blickte er wieder zu Galwine, leicht legte er den Kopf schief.


    Ihr seid jung und doch schon im Sommer eures Lebens... er wird euch Exilia nennen, wie er jeden nennen wird, der im Namen der Euren spricht.


    Das Wesen verstummte, blieb aber Galwine weiter zugewandt.


                                                                                


    Was hatte er erwartet? Im Nachhinein hätte Galwine es nicht sagen können. Das war es jedenfalls nicht gewesen.


    Zum Glück hatte er etwas Zeit, seine Sprache wiederzufinden, ehe das Wesen endete, sodass er, das Wesen adressierend, während sein verblüffter Blick immer wieder zu Myrhenka und der Stelle sprang, an der es erschienen war, herausbrachte:


    „Er…? Und Ihr? - Ich versichere Euch meines Dankes für die Übermittlung seiner Antwort, doch bitte sagt mir: Wer seid Ihr? … Und Er?“


    Kurz schoss ihm durch den Kopf, dass er schon lange nicht mehr "Exilia" genannt worden war. Damals war es auch eher aus Verlegenheit geschehen. Für die meisten außerhalb Exilias war er schlicht "der Protektor" und das war ihm durchaus recht. Doch hier fühlte sich "Exilia" plötzlich sehr richtig an. Gegenüber Myrhenka brauchte er keinen anderen Namen.


    „Wenn Ihr es genau nehmen wollt: Man spricht es [ˈgal.vɪn]. Das e am Ende ist stumm.“

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    Das Wesen nahm die Gegenfrage zur Kenntnis und neigte den Kopf leicht zur Seite.


    Er ist Myrhenka... ich bin Mittler... er ist alt im Herbst... ich bin jung im frischen Frühling... aber viel älter als Exilia. Exilia, Mittler, Myrhenka sind alles eins.


    Mittler spricht für Myrhenka... Myrhenkas Worte sind reif mit Bedeutung und brauchen lange, um gesprochen zu werden... Mittlers Worte sind frisch und für Exilia leichter und schneller gesprochen... Nur in großer Not spricht Myrhenka selbst schnell und vorreif. Berim hat große Ehre erfahren Myrhenkas vorreifen Worte zu hören. Vorreife Worte kosten Myrhenka viel Kraft.


    Der wurzelnde Mittler beugte sich hinunter und berührte mit den Wurzelhänden das Gras am Boden und fing kurz an zu kriechen und schien fast für einen Moment zu einem vierbeinigen, herumtollenden Tier zu werden, um nach ein paar Metern wieder zu einer humanoiden Gestalt zu werden. Er wandte sich Galwine dann auch wieder zu. War das Gras gerade wieder grüner geworden?


    Exilia und die anderen Exilias machen hier den Stein, das Kliff, das Kap mächtig... Myrhenka gibt Bedeutung...


    Der Stein reckt sich unnachgiebig Aqua entgegen und hält ewig hart stand...

    Der Stein ragt weit zu Aeris hinauf und hält jedem Sturm stand...

    Ignis hat hier keine Macht über den Stein...


    Myrhenka schützt Exilia... Exilia schützt Myrhenka... Wir ehren Terra...


    Zeigt dass die Exilias Terra stärken. Der lebendige, vielfältige Garten vor der Schlucht ist erster Aspekt... ein Aspekt...


                                                                                


    Galwine hatte wohl noch nie mit einem Geschöpf gesprochen, dessen ganzes Wesen so sehr die Aspekte Terras von Kreislauf, Veränderung und unbändiger Lebensfkaft zu versprühen schien, wie dieser Wurzelgestallt, die dort vor ihm aus der der Erde gewachsen war. Fest und greifbar wie ein junger Baum und im nächsten Moment über die Wiese tollend wie ein Hund, den man von der Leine gelassen hatte. Der Anblick ließ Galwine unwillkürlich lächeln.


    Die Erklärungen des Mittlers zu seiner und Myrhenkas Identität waren zwar nach seiner Auffassung alles andere als erschöpfend und manche Aussagen mindestens rätselhaft, doch schien ihm dies nicht der richtige Zeitpunkt für penible Nachfragen zu sein. Myrhenka gibt Bedeutung..? Und welchen Schutz die Exilanten Myrhenka gewähren konnten, war Galwine im Moment auch schleierhaft. Aber es war sehr deutlich, dass beide Exilia wohlgesonnen waren und für den Moment glaubte er, die Grundzüge ihrer Existenz gut genug verstanden zu haben, um das Gespräch auf einer inhaltlich für Mittler hoffentlich interessanteren Ebene fortsetzen zu können.


    Zwar brannte er vor Neugier, zügelte sich aber und sagte stattdessen:


    „Ihr wisst so viel über dieses Land, diese Stadt, unsere Taten und auch über unsere Hoffnungen und die Ziele unseres Strebens und die Erkenntnisse Myrhenkas scheinen sich auch auf Geschehnisse weit jenseits der Grenzen Exilias zu erstrecken. Wie sonst hätte er von der Gefahr, vor der er uns rettete, wissen können?


    Der Garten… wenn er einen Schritt in die richtige Richtung darstellt, können wir uns glücklich schätzen, denn wenig mehr als Blinde sind wir, die wir einen Weg zu finden suchen, von dessen Verlauf wir kaum eine Vorstellung haben. Und Lernende ohne Lehrmeister.

    Die Aspekte zu Ehren Terras- wenn Ihr uns geleiten wollt, so werden wir mit Freuden folgen!


    Denn ich bin nicht gekommen, um meiner Dankbarkeit durch leicht dahingeprochene Worte allein Ausdruck zu verleihen. Mehr als tausend Exilanten verdanken Myrhenka unmittelbar ihr Leben, weit mehr sind es, wenn man die langfristigeren Folgen der Katastrophe, die er verhindert hat, berücksichtigt. Eine solche Tat verdient der greifbareren Antwort. Ich bitte Euch, äußert, wie sich Exilia erkenntlich zeigen kann! Wenn es in meiner Macht steht, werde ich Myrhenka keinen Wunsch abschlagen.“


    Ein wenig erstaunt bemerkte er den Pathos in seiner Stimme, doch die Situation schien dies einfach zu erfordern.

    Es gab noch etwas, dass er Myrhenka antragen wollte, doch hatte dies weniger den Charakter einer handfesten Tat, daher beschloss er, noch einen Augenblick zu warten, ehe er darauf zu sprechen kam.


                                                                                


    Kurz erzitterte die Erde und aus dem Inneren Myrhenkas erschallte ein Grollen, das weithin über das Land und das Meer zu hören und zu spüren war. Der Mittler schaute hinauf, scheinbar als würde er mehr hören, mehr verstehen. Das Grollen verstummte.

    Dann blickte er wieder zu Galwine


    Ehrt die Erde, den Fels, das Land, all die Herrlichkeit Terras...


    Dann grollte es wieder im Inneren der Erde und der Mittler sprach weiter.


    Werdet die Diener Terras, in der Sommern und Wintern, die uns bevorstehen... seid wachsam, stark, stetig und standhaft... eure Treue, die ihr im Herzen tragt zu diesem Land und jenen, die für die Quihen´assil sprechen, sind die Taten, welche die Smaragdsänger von euch erwarten. Wir werden gemeinsam Sturm, Flut und Flamme trotzen...


    Denn WIR sind das Land...


                                                                               


    „Mein Hort vor Wind und Meer“*, schoss es Galwine durch den Kopf.


    Er senkte den Kopf ein wenig, zum Zeichen dass er verstanden hatte. „So hoffe ich und bin zuversichtlich, dass unsere Taten, Treue und Gesinnung Euch nicht enttäuschen werden.“


    Er richtete sich wieder auf und fuhr mit fester und ein wenig getragener Stimme fort, aus der herauszuhören war, dass das, was er nun sagte, selbst gemessen an den Umständen, von hoher Bedeutung für ihn war:

    „Ein Zeichen der Ehrerbietung möchte ich Euch gleich jetzt offerieren, in der Hoffnung, dass Myrhenka Exilia die Ehre erweist, es anzunehmen:

    Vielleicht ist Euch bekannt, dass die Exilanten Mitgliedern Ihrer Gemeinschaft, die sich in herausragender Weise um diese verdient gemacht haben, den Ehrentitel des Cubitors verleihen.

    In der ganzen Geschichte Exilias, so kurz sie in Euren Augen erscheinen mag, ist dies erst viermal und damit nur selten geschehen und doch ich bin der festen Überzeugung, dass Myrhenka diese Ehre gebührt.

    Sie ist ein Zeichen der gelebten Ehrerbietung und Cubitoren genießen in besonderer Weise den Respekt des Volkes. Sie sollen Vorbilder für die anderen Exilanten sein und Ihre Meinung findet bei allen Fragen der Zukunft Exilias, so sie unserem Einfluss unterliegt, Gehör.

    Erlaubt mir Myrhenka, Ihn in den Stand eines Cuitors Exilias zu erheben?“


    *wiederkehrender Abschnitt aus den in unzähligen Varianten in Exilia gesprochen Versen zur Feier der Vorzüge der Heimat der Exilanten.

    Z.B.:

    Exilia du schöne Stadt

    - mein Hort vor Wind und Meer,

    an dir seh' ich mich niemals satt,

    Exilia Preis und Ehr!


                                                                               

                                                                               


    Abschließende Bemerkung: Myrhenka hat die Ehre angenommen (nicht mehr ausgespielt, sondern OT geklärt).