Posts by Valentin aus Exilia

    Luca nickte. "Raetien rief um uunsere Hilfe... mit der Zerstörung Dreistätts ist der Norden nicht verlooren, doch so lange dieser schwarze Abschaum durch die Laande zieht sind weitere Städte bedroht." Sie rückte eine ihrer Armschienen zurecht. Ihre Schulter schmerzte noch immer vom Kampf mit der Lanze. Immer und immer wieder hatten die Exilanten, auf ihren Larks, die Reihen des Schwarzen Eises durchpflügt. "Lasst sie unseren Staahl zu spüren kriegen!", sagte sie und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie tippte auf die Landkarte.
    "Aus den nahegelegenen Wäldern soollte sich genügend Holz zur Befeestigung des Lagers schlagen lassen. Falls unsere Versorgungsgüter knapp weerden, liegt Raetien Stadt nicht all zu weit." Sie strich sich erneut eine ihrer fettigen, schwarzen Strähnen aus dem Gesicht. "Wir werden Larkpatrouillen aussenden, die die Umgebung und die feindliche Truppenbewegung im Auge behaalten. Allein können wir dem Feind nicht besiegen, aber sollten sie den Fehler machen Engelswacht uungeschützt anzugreifen, werden wir ihnen gehörig den Hintern versoohlen."
    Die stämmige Frau in ihrer Plattenrüstung nickte Wess anerkennend zu.
    "Zwölf meiner Larkreiter werden auf kürzestem Weg zur Küste reiten und unsere Gefallenen nach Norden schicken. Danach werden sie wieder zu uns stoßen. Ich werde die exilantischen Truppen unverzüglig in Marschbereitschaft versetzen lassen."

    Kühl fasste Luca die derzeitige Lage zusammen: "Aus Dreeistätt verbleiben 19 Wachen, 41 verloren ihr Leeben, von den 400 aus Felsi Ildebekkoiee bleiben uns 292, sechs unserer Larks kamen ums Leeben, zwei zusätzliche werden wir hinrichten müssen, da ihre Reiter staarben. Die Raetische Kavallerie zählt noch 110 Reiter, dazu koommen die 80 Fußsoldaten Exilias. Unsere Stärke liegt also derzeit bei 579 einsatzfähigen Soldaten gegen ein Heeer von schätzungsweise über tausend Rakhs, die in Richtung Eengelswacht ziehen. Die Bewohner Dreistätts wurden nach Raeetien Stadt gebracht, dort sind sie vorerst sicher."
    Auf dem Tisch vor ihnen lagen mehrere Karten ausgebreitet. Die Oberste zeigte die Ländereien des Nördlichen Siegels.
    "Als uns der Hilferuf Kop'Tars in Exilia erreichte braachen wir sofort nach Dreistätt auf. Auf dem Weg zogen wir durch Meerak, Uurak und Zuurak. Doch in keinem der Städte konnten sie weitere Soldaten entbeehren."
    Die Distanz zwischen Exilia und Dreistätt war nicht unerheblich. Selbst wenn sie ihre Tiere zu Tode geritten hätten, wäre es keiner normalen Kavallerie gelungen rechtzeitig anzukommen. Und die Larks, die Wess von weitem aus gesehen hatte, trugen Plattenrüstungen... - Auf der Brustplatte Lucas prangte ein kleiner, grüner Wappenschild, geziert von der exilantischen Schildkröte. Die Frau erzählte vom Schlachtgetümmel und den Maßnahmen, die man getroffen hatte um das provisorische Feldlager zu sichern. Sie verstand offentsichtlich etwas vom Kriegshandwerk.
    "...wir haben die Toten vom Schlachtfeld geboorgen und tun unser Beestes die Krähen fernzuhalten. Wir werden die gefaallenen Exilanten jedoch traditionsgemäß nach Norden schicken mussen."
    Wie geht es nun weiter? war die Frage, die nun im Raum schwebte und sie stank nach Schweiß, Rauch und blankem Metall.

    [Luca spricht mit italienisch-klingendem Akzent]


    Die Frau erwiderte steif die Begrüßung und nahm das Schriftstück aus Wess' Händen entgegen. Sie überflog die Zeilen und nickte zustimmend.
    "Luca Avia Inproeelio, Kommandantin der exilaantischen Larkkavallerie." Ihre Züge verfinsterten sich, als sie Wess einen Platz wies um fortzufahren: "Wir haben verluustreiche Tage hinter uns. Unsere Truuppen und die Soldaten Felsi Ildebekkoiees kamen gerade noch reechtzeitig um den Dreistättern zur Seeite zu stehen. Doch haben wir alle bitter dafür bezaahlen müssen. Dreeistätt wurde - wie sich unschwer erkeennen lässt - dem Erdboden gleeich gemacht. Uns blieb nichts aanderes übrig als uns zurückzuzieehen und dem Feind die Stadt zu überlaassen." Die Anwesenden brummten ihr Einverständnis.
    "Wir haben vieele Männer verloren, taapfere Männer, staarke Männer - was schickt der Aanführer Raetiens seinen Truuppen außer einen neuen Befehlshaber?"
    Ihre Augen funkelten. Wess war die Schlacht der letzten Tage erspart geblieben. Er hatte nicht die Schreie der Sterbenden mit anhören müssen, ihm lastete nicht die schwere Entscheidung des Rückzuges auf den Schultern. Luca strich sich eine fettige, schwarze Strähne aus dem Gesicht. Sie war von südländischem Typ, kurz und stämmig gewachsen und steckte noch immer in ihrer Plattenrüstung. Lediglich den Helm hatte sie zur Seite gelegt.

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    Wann: Ende Spielzug 5, IT-Zeitraum [17.01-24.01.]
    Wer: Alle Charaktere vor den Ruinen Dreistätts (Raetien, Felsi Ildebekkoiee, Exilia)
    Wo: Provisorisches Feldlager vor den Ruinen Dreistätts [157-AV]
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    Tagelang waren sie geritten. Durch Regen und durch Sturm. Unermüdlich. Fast sieben dutzend schwergerüstete Larkreiter aus Exilia. Lediglich in den größeren Städten auf dem Weg hatten sie rasten müssen, um den Hilferuf Kop'Tars weiterzutragen. Doch egal ob in Merak, Urak oder Zurak, die Antwort war überall die Gleiche: Es gab nicht genügend Krieger. So zogen sie weiter die Küstenstraße entlang und Aeris schien ihnen wohlgesonnen, denn sie erreichten Dreistätt noch vor der sich nähernden Armee des Schwarzen Eises.
    Doch die Lage schien von Beginn an aussichtslos zu sein: Dreistätt zählte nur noch fünf dutzend Protektoratswachen, die Einwohner waren größtenteils evakuiert worden, doch mit ihnen war auch jeder, der in der Lage gewesen wäre zumindest einen Bogen zu spannen, verloren gegangen. Ohne die, im letzten Moment eintreffenden, 400 Mann aus Felsi Ildebekkoiee hätten sie keinerlei Hoffnung gehabt dem Schwarzen Eis die Stirn zu bieten.
    Die exilantischen Reiter auf ihren Larks übernahmen den Flügel. Sie versuchten, einzelne Schwärme, bei ihrem Angriff, von der Hauptarmee zu separieren und gezielt anzugreifen. Dabei nutzten sie die Schnelligkeit der Larks aus, um zu flankieren, während Frontalangriffe besonders auf Rahkgruppen mit Stangenwaffen vermieden wurden. Die furchteinflößenden Vögel mit ihren todbringenden, scharfen Krallen und Schnäbeln und den vollgepanzerten Körpern wurden in enger Formation (jeweils eine doppelte Flügelspannweite zwischen benachbarten Tieren, die nachfolgende Reihe versetzt, sodass das nachfolgende Tier die Lücke weitgehend füllte) auf das Schwarze Eis getrieben, ihnen im Weg stehende Rahks niedertrampelnd, während ihre ebenfalls schwer gepanzerten Reiter mit langen Lanzen jene töteten, die den Larkkrallen zunächst entkommen konnten. Welle um Welle brandete gegen die Masse von Schwarzem Eis. Die Tiere wüteten bestialisch unter den feindlichen Truppen. Doch für jeden gefallenen Rakh rückten drei nach und so gelang es, trotz aller Bemühungen, nicht den Feind zurückzuschlagen.


    Es folgten verlustreiche Tage, nach denen man gemeinsam beschloß Dreistätt aufzugeben und sich zurückzuziehen. Die Übermacht des Schwarzen Eises walzte über die Stadt hinweg und hinterließ nichts als Schutt und Asche. Doch schon am nächsten Tag formierte sich der Feind neu und marschierte gen Osten, Richtung Engelswacht. Zurück blieben die Raetische Kavallerie, die verbleibenden Wachen Dreistätts, die Truppen aus Felsi Ildebekkoiee, die schwer-gepanzerte Larkkavallerie, sowie die neu eingetroffenen Fußsoldaten Exilias.


    Von dem Rücken ihres Larks aus schaute sie auf die Ruinen von Dreistätt. Die Stadt die hier vorher einmal gewesen war lag in Trümmern. Vereinzelt stiegen Rauchwolken hinauf zum düsteren Himmel. Lucanica Avia Inproelio strich sich eine fettige, schwarze Strähne aus dem Gesicht. Der olivfarbene Hautton verriet ihre südländische Herkunft. Sie hatte ein kantiges Gesicht und ein breites Kreuz. Nach tagelangem Ritt in voller Plattenrüstung spürte sie das Gewicht kaum noch, bloß schmerzte ihre rechte Schulter vom Kampf mit der Lanze.
    Ein leichter Druck ihrer Beine genügte um den Lark in Bewegung zu versetzen. Dank ihrer langen Beine war es den Larks möglich schneller zu laufen als jedes Pferd. Die todbringenden Krallen gruben sich in die von Tau bedeckte Erde. Die Fremdheit der monströsen Laufvögel, mit ihren kreischenden Schreien, hatte die Exilanten dazu veranlasst abseits des Haupttrosses zu lagern.


    Zügig näherte sie sich dem Treffpunkt, im provisorisch errichteten Feldlager der Verbündeten, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

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    Wann: Ende Spielzug 5, IT-Zeitraum [23.01.-24.01.]
    Wer: Söldnerheer der Freyenmark, Exilanten
    Wo: Hafenstadt Exilia [103-AN], In den Höhlen unterhalb der Siedlung (Söldnerquartier)
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    Stürmischer Wind peitschte über die Wellen der aufgewühlten See. Woge um Woge warf sich gegen die Steilküste des Nordens, an dessen Spitze die Hafenstadt Exilia thronte.
    Auch ohne die winterlichen Stürme war es ein todbringendes Wagnis hier landen zu wollen, denn trügerische Riffe und - so munkelte man - noch zahlreiche andere Gefahren, lagen unter der Wasseroberfläche verborgen. Um den, in einer großen Höhle gelegenen, Hafen zu erreichen bedurfte es der Führung kleinerer Lotsenboote Exilias.


    Nun lagen die Schiffe der mitrasperanischen Hanse vertäut im Hafen, geschützt von den Wellen, die draußen gegen die Felswand schlugen. 800 Krieger, das erste von zwei Söldnerheeren aus der Freyenmark, strömten aus den hölzernen Bäuchen. Ein Gewirr verschiedener Stimmen schallte durch die großen Höhlen und Gänge unterhalb der Stadt.
    Die Exilanten hatten den Fremden vorsorglich ein provisorisches Lager bereitet: In einigen weitreichenden Höhlen waren Schlaf- und Lagerplätze errichtet worden. An den Wänden hingen merkwürdige Apparaturen, die die unterirdischen Hallen mit einem matten grünlich-gelbem Licht erleuchteten.
    Die Führer des Söldnerheeres wurden von einer Delegation in grün und weiß gekleideter Exilanten empfangen. Bei sich trugen sie ein grünes Banner auf dem die exilantische Schildkröte zu erkennen war. In offenen Fuhrwerken ging es, durch sich schier endlos windene, beleuchtete Tunnel, hinauf zur Oberfläche. Der Himmel war unverändert grau und dunkelte zunehmend, da die, sich hinter der Wolkendecke versteckt haltende, Sonne langsam unter ging. Zwischen steinernden Häuserwändern ließ sich ein Markplatz erkennen. In einiger Entfernung stach eine breite Ringmauer aus den Gassen hervor, weiter unten lag eine weitere. Der Karren ratterte die gepflasterte Straße hinauf zu der Großen Halle, die am höchsten Punkt der Stadt ruhte, dort, wo die Küste Steil hinab ins Meer fiel. Der steinernde Kuppelbau überragte die Stadtmauern und war noch meilenweit guthin sichtbar. Zu Füßen des Prachtbaus hielt der Wagen und die Gäste wurden ins Innere geführt. An den Seiten der Basilika hingen überall grüne Banner, geziert von der exilantischen Schildkröte. Am Kopfende war eine noch unvollendete Büste aufgestellt worden: Sie zeigte das Gesicht eines recht jungen Mannes.
    Nach einiger Zeit bat man die Gäste in die Amtsräume des desgnierten Protektors. Dort empfing sie Galwine Camdagnir in persona. Gemeinsam besprachen sie das weitere Vorgehen: Die Söldner wurden willkommen geheißen, zu ihren Plänen befragt und erhielten schließlich eine Durchmarscherlaubnis gen Paolos Trutz. Anschließend speiste man zusammen: Es gab frisch zubereiteten Fisch, Wildbret aus Silvarode (einer kleineren exilantischen Siedlung), Rothfleisch und das wohl beste Brot der ganzen Welt.
    Als das Licht des Tages vollends hinter dem Horizont erloschen war, entzündete man mehr von den merkwürdigen Lampen. Der designierte Protektor Galwine Camdagnir zog sich zurück und überließ es der exilantischen Delegation die Führer des Söldnerheeres wieder hinab zu ihren Truppen zu begleiten.


    Zur gleichen Zeit wurde das Söldnerheer, in den Höhlen unter der Stadt, mit exilantischem Brot - welches wirklich und wahrhaftig ganz außergewöhnlich gut schmeckte - versorgt. Dazu gab es geräucherten Fisch und klares Wasser. Unter die Fremden mischten sich vereinzelt auch einheimische Exilanten, meist einfache Fischer und Hafenarbeiter. Man saß beisammen, aß und trank, vetrieb sich die Zeit mit Gesprächen über den kommenden Feldzug oder spielte Würfelspiele.

    Im Schatten der mächtigen äußeren Ringmauer der Stadt, wo die Straßen Torkelgasse und Brechgosse sich treffen, steht die Taverne Rothhorn.
    Seinen Namen erhielt die Schänke zu der Zeit da noch ein großes Horn eines der in Exilia heimischen Rothé über dem Eingang befestigt war. Im laufe der Jahre war dies jedoch abhanden gekommen. Die Leute sagten sich es sei während einer der üblichen Kneipenschlägereien zu Bruch gegangen, Einige behaupteten ein Trunkenbold habe es gestohlen und sei damit über die Klippe getorkelt, wiederum Andere munkelten es habe nie ein solches Horn gegeben und falls doch dann sei es sicherlich kein Rothhorn gewesen. Fakt war jedoch, dass das Horn (oder was auch immer vorher über dem Eingang gehingen hatte) durch einen ausgestopften Rothkopf ersetzt worden war – an dem auch zwei Hörner prangten.


    Das Rothhorn bot all das, was dem Gasthaus Zum Grünen Graben fehlte: Stickige Luft, abgestandenes Bier, laute Musik, leichte Mädchen und raufwütige Trunkenbolde … kurzum: Ein Sammelpunkt frivolen Lebens in seiner ganzen Vielfalt von Freude und Abscheulichkeit.
    Hier trafen sich Abends die einfachen Exilanten, ob Handwerker oder Fischer, Taugenichts oder Bückling (Tagelöhner), um den Tag voll harter Arbeit zu vergessen und gemütlich beisammen zu sitzen. Die „Spezialität der Hauses“ nannte sich Gutes von Gestern. Dabei handelte es sich um die, in einem Fass gesammelten, Reste aus den Krügen der vor-täglichen Gäste. Das Getränk schmeckte nicht gut, mit der Zeit verlor es jedoch seine Schrecken und tat seine Wirkung. Auch das Essen ließ zu Wünschen übrig: Nicht selten fand man Haare oder gar Fingernägel in den hier servierten Speisen.
    Der Wirt, gleichzeitig Zunftmeister der Handelnden Zünfte, Hetzbold van Grimmich erinnerte an eine außerordentlich hässlichen Mischung aus Goblin, Hauself und Mensch. Er pflegte einen Hang zu Betrügereien und Unwahrheiten und war ausnahmslos schlecht gelaunt.
    Feinere Herren oder gar Würdenträger des Protektorats suchte man hier vergebens. Auch wenn es dem ceridischen Mönch sicherlich ein Dorn im Auge gewesen sein musste, so war unter Valentins Herrschaft die zwielichtige Schänke, wenn auch widerwillig, geduldet worden. Sein Ruf, ein Hort der Untugend zu sein, hatte die Gäste offensichtlich nicht vergrault. Im Gegenteil.


    Lodernd brannte ein Feuer im Kamin und erfüllte den großen Schankraum mit stickiger Wärme. Exilanten saßen beisammen und tranken Gutes von Gestern. Es wurde viel geredet und gelacht. Einige Tische waren noch frei.
    Hinter der Theke stand van Grimmich und schaute, wie immer, schlecht-gelaunt drein.

    „Frisches Wildbret?“, Av'Sha verzog skeptisch das Gesicht.
    Ein Lagerarbeiter hielt ihr den Lieferschein entgegen und tippte mit einem Finger auf das Symbol für Wildbret, dahinter war die Menge angegeben. Ungläubig kratzte sie sich zwischen den Hörnern, die ihrer Stirn entsprangen.
    Wann hatte das Rothhorn angefangen frisches Wildbret zu servieren? Üblicherweise konnte man nur im Gasthaus Zum Grünen Graben einen solchen Leckerbissen zu sich nehmen. Die Taverne im Handwerkerviertel wurde bisher bloß mit gepökeltem oder getrocknetem Jagdgut aus der Holzfällerenklave Silvarode versorgt.
    Av'Sha ging die Liste noch einmal durch, doch außer dem Wildbret war nichts Ungewöhnliches verzeichnet. Den Lieferschein in der Hand verließ sie das Lager durch den Hintereingang, wo ein Mann damit beschäftigt war einen Karren zu beladen. Es war einer der Bediensteten aus dem Rothhorn.
    „Seit wann bezieht ihr denn frisches Wildbret?“, fragte Sie ihn. Der Mann zuckte gleichgültig mit den Schultern und hievte eine weitere Kiste auf die Ladefläche. Av'Sha wurde ungeduldig.
    „Raus damit: Woher habt ihr den Bezugsschein?“
    Ein schelmisches Grinsen breitete sich auf dem Gesicht des grobschlächtigen Mannes aus: „Was weiß ich – vielleicht ist der neue Protektor ja besser auf den alten Hetzbold zu sprechen...“
    Av'Sha war es mit der Sache durchaus ernst. Die Stadt wurde noch nicht allzu lange mit den Köstlichkeiten aus Silvarode beliefert und ihr missfiel der Gedanke, dass das gute Fleisch in der zwielichtigen Schänke verschwendet wurde.
    „Bestell' Van Grimmich einen Gruß von mir und sag' ihm, dass wenn er vor hat mir einen Lark aufzubinden er sich die Falsche ausgesucht hat!“
    Sie drehte sich auf den Absätzen um und ging zurück ins Lager.

    “Hoppla” Es krachte.
    Av'Sha blickte besorgt auf. Sie kannte die Stimme und ihr Klang ließ nichts Gutes erahnen: Hugo Tollpatsch, dachte sie.
    Hugo Tollpatsch war der stadtbekannte Unglücksrabe, Pechvogel, Trampel, Tölpel und Torfkopf – der Tollpatsch eben. Wo er hinging da folgte ihm das Unglück auf Schritt und Tritt. Stets hinterließ er eine Spur der Verwüstung. Nicht, dass man es ihm hätte übel nehmen können: Er hatte schlichtweg ein Talent dafür genau zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein. Immer.
    Heute war viel los: Die Verwalterin und ihre Lagerarbeiter hatten alle Hände voll zu tun. Der Ausgaberaum des Lagers war gefüllt mit Leuten, von denen sich einige neugierig dem Ausgang zu wandten. Getuschel hob an: Nicht schon wieder! Was hat er nun diesmal angestellt? Immer dieser Hugo Tollpatsch.
    Av'Sha schob sich an einigen Wartenden vorbei. Als sie durch das Portal auf den Großen Markt trat sah sie was passiert war: Ein Wagen war in einen der Marktstände gekracht. Die Ladung Holzfässer lag auf dem Boden verstreut. Aufgebracht redeten sowohl der Kutscher als auch der Standbesitzer auf einen unglücklich aussehenden Mann ein, der verzweifelt versuchte sich zu rechtfertigen. Eine gaffende Menschenmenge sammelte sich. Sie schüttelten die Köpfe oder lachten über den Unglücksseeligen.
    Es dauerte nicht lange, da war auch schon die Stadtwache herbeigeeilt, um sich dem Chaos anzunehmen. Die Fässer wurden beiseite geräumt, die Streitenden besänftigt. Als es nichts mehr zu sehen gab löste sich die Traube von Menschen langsam auf. Auch Av'Sha ging wieder hinein. Erst am Ende des Tages bemerkte sie, dass es in den Listen zu Unstimmigkeiten gekommen war: fast ein Duzend Rothwürste, zwei Packen geräucherten Fischs und einige weitere Kleinigkeiten waren abhanden gekommen.
    Hatte jemand etwa den Tumult ausgenutzt um sich an den gelagerten Gütern zu bereichern?

    Es begann mit einem Lächeln.
    Natürlich hatte Alles schon viel früher begonnen: Schleichender, unscheinbarer, im Dunklen verborgen.


    Wind peitschte Regen durch die Gassen der Stadt. Exilia lag am Nördlichsten Punkt der Steilküste, wo sich die raue See beständig gegen den Fels warf. Herbststürme waren hier keine Seltenheit. Die Siedler hatten sich an die harten Verhältnisse gewöhnt: In soliden Häusern aus Stein brannte stets ein wärmendes Feuer.
    Av'Sha war schon seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen. Sie war eine hochgewachsene Frau, gewohnt mit anzupacken, streng aber nicht herzlos. Unter Kire Schattenhaar, dem ersten Protektor und Gründer des Protektorats, kam sie, vertrieben aus der alten Welt, mit den Ersten nach Exilia. Hier fand sie eine neue Heimat und wurde zu einer angesehenen Person.
    Als Verwalterin des Lagers musste sie sich darum kümmern die Versorgung der Stadt zu gewährleisten. Anders als in anderen Protektoraten des Nordens gab es in Exilia keinen Lohn von dem man sich hätte etwas zu Essen kaufen können. Stattdessen arbeitete man für Essen und einem Dach über dem Kopf – sämtliche erwirtschaftete Produkte fielen dem Protektorat zu, im Gegenzug erhielt jeder Siedler Exilias genügend Nahrungsmittel, eine solide Unterkunft und wurde mit alltäglichen Gütern versorgt. Dieses System, wenn auch gewöhnungsbedürftig, sorgte in der Vergangenheit für einen starke Gemeinschaft innerhalb der Stadtmauern. Niemand musste Hunger leiden. Jeder erhielt das, was ihm zustand.
    Die diesjährige Ernte war reichlich gewesen und so waren die Lagerräume gut gefüllt. Vor wenigen Tagen war eine Karawane, beladen mit Fleisch und Getreide, nach Raetien aufgebrochen. Begleitet wurden die Wagen von schwer gerüsteten Larkreitern – trotz der regelmäßigen Patrouillen waren die Straßen des Nordens nicht sicher, schon gar nicht zu dieser Jahreszeit, wo Räuberbanden das eisige Wetter zu spüren bekamen.
    Innerhalb der starken Mauern Exilias fühlten sich die Siedler jedoch sicher.



    Ein Junge, nicht älter als elf oder zwölf Jahren, stand hinter dem großen hölzernen Tresen, der den Zugang zum Lager von dem Raum der Warenausgabe teilte. Er konnte noch nicht allzu lange hier in der Siedlung sein, dachte Av'Sha. Die dünnen Arme und leicht eingefallenen Wangen sprachen von der entbehrlichen Reise, die der Junge hinter sich haben musste. Seine Schuhe hatten Löcher und seine Kleidung war ausgetragen, noch dazu viel zu dünn für die Jahreszeit. Außerdem – so stellte sie missmutig fest - wanderte sein nervöser Blick ständig hinauf zur ihrem Haaransatz. Jeder Exilant wusste, dass es besser war Av'Sha nicht auf die Hörner anzusprechen, welche ihr über der Stirn wuchsen. Zwei Spitzen ragten aus ihrem dunklen Haar heraus und zeugten von ihrer nicht-vollkommen-menschlichen Herkunft. Es gab Dinge über die man in Exilia besser nicht redete oder zumindest nicht auf den Straßen.
    Ungeduldig wartete sie bis der Junge seine Stimme wiedergefunden hatte.
    „Wir brauchen was extra.“, sagte er zögerlich.
    „Es gibt keine Extrarationen. Wer bist du? Woher kommst du?“, fragte sie eine Spur zu streng.
    Der Junge schluckte. „Ich bin Harald. Mein Vater ist Jakob Topfmacher. Wir sind erst seit ein paar Wochen hier.“ Er war also, wie sie vermutet hatte, mit der kleinen Gruppe neuer Siedler gekommen, die trotz der widrigen Umstände den Weg nach Exilia gefunden hatte. Ein Aufruf in den Häfen der Alten Welt, der den Leuten Arbeit und eine sichere Unterkunft versprach, hatte im vergangenen Jahr gehäuft zu Neuzugängen geführt. Nun, da der Sommer vorbei war, wählten nur noch Wenige die Straße nach Norden und wandten sich lieber gen Süden Richtung der Freienmark oder dem Reich der Rosen zu.
    Av'Sha nahm eines der ledergebundenen Bücher zur Hand, schlug es auf und fuhr mit dem Finger über die mit Tinte geschriebenen Lettern. Sie stoppte bei dem Namen „Topfmacher, Jakob“ und untersuchte die dort eingetragenen Vermerke. Geräucherter Fisch, Rothfleischwurst, Butter, Marken für Brot, … Sie schüttelte den Kopf.
    „Nein. Eure Familie hat erst vor ein paar Tagen die ihr zustehenden Güter erhalten. Außerdem, so wurde hier vermerkt, habt ihr als Neuankömmlinge noch einen Zuschlag erhalten. Das könnt ihr doch unmöglich schon verbraucht haben.“ Jeder neue Siedler wurde bei seiner Aufnahme in die Gemeinschaft geprüft und in den hier geltenden Gesetzen unterwiesen. Hortung von protektoralen Gütern stand unter Strafe. „Hortung von Lebensmitteln oder anderer Güter des Protektorats werden hier streng bestraft.“, es klang gebetsmühlenartig.
    Viele der Neuankömmlinge versuchten anfangs den ihnen zustehenden Rationen noch etwas hinzuzufügen. Die Meisten begriffen schnell, dass es keinen Sinn hatte darum zu betteln, zumal tatsächlich darauf geachtet wurde, dass jeder Siedler genügend zu Essen erhielt.
    Dieser Junge war anders. Er brach in Tränen aus, sprach von Prügel, die er von seinem Vater zu erwarten habe, von dem Tod seiner Mutter und die lange, beschwerliche Reise in den Norden. Und – und das war das eigentlich Erstaunliche - er schaffte es Av'Sha eine Extraration zu entlocken.
    Gierig griffen seine dünnen Finger nach den Lebensmitteln. Als er sich abwendete lächelte er. Er lächelte nicht aus Freude darüber in den kommenden Tagen nicht hungern zu müssen, sondern aus einem anderen Grund.
    Es war dieses Lächeln mit dem es begann, obwohl natürlich Alles schon viel früher begonnen hatte: Schleichender, unscheinbarer, im Dunklen verborgen.

    Valentin aus Exilia, der zweite Protektor Exilias, starb am Maccalustag, dem Ersten Tag des Erntemonds, im zehnten Jahr nach der Entdeckung Mitrasperas. (01.VIII anno X p.rd.M)
    Er wurde auf dem Sommerfeldzug heimtückisch ermordet. Sein Leichnam wurde nach Exilia gebracht und von dort nach Norden geschickt.


    Sein Nachfolger ist Galwine Camdagnir.

    Der Protektor saß noch immer hinter seinem Schreibtisch. Der Anblick seines neuen Hutes war gewöhnungsbedürftig und er pflegte ihn stetig zurechtzurücken, damit er zur vollen Geltung kam. Ohne Zweifel fand er Gefallen an seiner extravaganten Kopftracht.
    Ein Lächeln breitete sich auf dem sonst von allerlei Sorgen geprägtem Gesicht des Protektors aus. Er nahm sich einen Moment um den Verwalter vielsagend anzuschauen:


    "Ganz wie es Euch beliebt Herr Verwalter - es ist schließlich Euer Ehrentag..."

    Valentins Züge verrieten Zustimmung über das Gesagte und dennoch schüttelte er leicht den Kopf. Etwas schien dem Verwalter entgangen zu sein.


    "Ihr scheint mich missverstanden zu haben werter Herr Verwalter. Wohl sollt ihr euch auf die Suche machen, nach einem Nachfolger für Cubitor Grävalk - dies wird, wie ihr sagtet, einige Zeit in Anspruch nehmen - doch die angedachte Ernennungsfeierlichkeit gilt nicht seinem Nachfolger, sie gilt jemand anderem."

    Die Übergabe der gesiegelten Schriftstücke erfolgte knapp und formlos, man merkte jedoch, wie wichtig es dem Protektor war seinen letzten Willen in sicheren Händen zu wissen.
    Erneut wandte er sich an den Verwalter.
    "Überdies werter Verwalter möchte ich, dass ihr erneut prüft ob eine mögliche Übergabe der Bibliothek mittlerweile möglich ist und ob der Schriftkundige Valis für die Leitung dieser geeignet wäre.
    In Rücksprache mit Cubitor Grävalk wünsche ich zudem, dass ihr unter den Bewaffneten mögliche Kandidaten für dessen Nachfolge als Anführer der Streitkräfte Exilias benennt. Ich habe nicht vor ihn aus seinen Diensten zu entlassen, doch in Anbetracht seines langwierigen Leidens sind gewisse Vorkehrungen zu treffen - er hat mir dabei vollkommen zugestimmt.
    Selbstverständlich gebietet sich hierbei ein gewisses Maß an Diskretion - wir wollen schließlich niemanden unnötig beunruhigen."

    Falls weitere wichtige Posten noch zu besetzen seien, so bat er seinen Verwalter sich diesen ebenfalls anzunehmen.
    "Ich gedenke zudem, nun da der Winter vorbei ist, erneut Gericht zu halten. Der kommende Vastustag* sollte dafür geeignet sein." (*Montag)
    Damit schien die Audienz beendet zu sein. Der Protektor war zufrieden. Doch dann richtete Valentin erneut das Wort an Galwine.
    "Desweiteren erhaltet ihr von mir den Auftrag alles Nötige für die Zeremonie und den anschließenden Feierlichkeiten zur Ernennung des neuen Cubitors zu veranlassen..."

    Valentin nickte.
    "Die Namen sollen in der Siedlung ruhig bekannt gemacht werden. Der Umstand, dass ich mit euch beiden gleich zwei Hüter dieses Schriftstückes bestimmt habe, soll als Sicherheitsmaßnahme dienen, die sowohl Diebstahl als auch Fälschung vorbeugt."
    Der Schrei mehrer Möwen drang von Außen herein, vermutlich waren die Fischer gerade dabei ihren Fang zu verarbeiten.
    "Darüber hinaus habe ich Vorkehrungen getroffen: Die Testamente sind versiegelt und beziehen sich inhaltlich aufeinander. Selbst wenn eines der beiden Schriftstücke entwendet wird, braucht man das Zweite um seine Echtheit zu belegen."
    Ich habe unter Allen gerade Euch ausgewählt, weil ich meinen letzten Willen in euren Händen sicher wähne. Ich gehe davon aus, dass ihr darauf aufpasst als wär' es euer Augenlicht. Für den Fall der Fälle - was der Eyne mit aller Macht verhindern möge! - habe ich noch eine weitere Kopie meines Testamentes angefertigt. Dieses Schriftstück wird jedoch verborgen werden und sein Aufenthaltsort soll selbst Euch, meinen engsten Vertrauten, unbekannt sein. Eines fernen Tages, wo es mir nicht mehr vergönnt sein mag unter Euch zu wandeln, da wird sich der Hüter dieses dritten Exemplares zu erkennen geben und somit Gewissheit bringen über meinen letzten Willen..."
    Valentin ging nicht davon aus, dass dieser Fall je eintreffen würde. Er hatte sich nicht bloß mit der Formulierung seines Testaments viel Zeit gelassen, sondern auch mit der Auswahl derer, die seinen letzten Willen tragen sollten. Das dritte Exemplar war lediglich für den Fall gedacht, da beide Schriftstücke gestohlen, verfälscht oder vernichtet würden.
    Valentin entnahm dem Holzkästchen zwei der gesiegelten Papiere und reichte seinen Gästen jeweils eines.
    Er wandte sich dem Verwalter zu.


    "Wie ich vor wenigen Tagen bereits andeutete, so wird noch vor Beginn des Sommerfeldzugs unser geliebtes Protektorat erneut Ort der Begegnung und des Wissenaustausches sein. Wir haben die Ehre ihre Exzellenzen, Würdenträger und Protektoren des Reiches begrüßen zu dürfen. Ich bitte Euch darum alles Nötige zu veranlassen und mich regelmäßig über den Stand der Vorbereitungen zu informieren. Exilia soll unseren Ehrengästen in vollem Glanze erstrahlen."

    Valentin nickte. Es war offensichtlich, dass er die Beiden nicht ihres Berichtes wegen hatte herufen lassen, denn seine Miene verriet, dass er über das Gesagte bereits im Bilde war. Was aber war der Grund für die Vorladung?
    "Ihr werdet Euch sicherlich fragen, warum ich Euch heute hier hergeladen habe..."
    Er schaute zu seinem Ordensbruder Vitus, dann wanderte sein Blick zu dem Verwalter Galwine Camdagnir. Er machte eine dramatische Pause.
    "Auf dem nunmehr verangenem Sommerfeldzug habt Ihr mir, geschätzter Verwalter, geraten gewisse Vorkehrungen zu treffen - Ihr erinnert Euch? - Gewisse Vorkehrungen für den Fall, dass ich einmal nach Norden gehe..."
    Valentin war noch recht jung und war trotz seines Alters erstaunlich schnell vom einfachen ceridischen Mönch zum höchsten Exilant aufgestiegen.
    "In den vergangenen Jahren ist mir mehrfach nach meinem Leben getrachtet worden. Auf den Sommerfeldzügen, fernab unserer sicheren Mauern, wird mir jedes Mal erneut vor Augen geführt, dass an manchen Orten noch immer Chaos und Barbarei herrschen. Die Hinrichtung des ersten Protektors Exilias, Kire Schattenhaar, sollte gezeigt haben, dass selbst Männer von hohem Amte schneller nach Norden geschickt werden, als ihnen lieb sein mag. Wir Alle kennen die Auswirkungen, die sein Ableben für das Protektorat bedeutete: Das Fehlen einer geordneten Struktur und einer geregelten Nachfolge hinterließ die noch junge Siedlung in Unsicherheit. Es kam zu Unruhen, doch die Reformation Exilias lies das Protektorat neu erblühen..."
    Valentin nahm ein kleines Holzkästchen zur Hand und öffnete es.
    "Nun, ich hoffe, dass der Eyne mir noch viele Zyklen schenken möge - doch ich möchte Eurer Bitte, Verwalter, nachkommen und habe mir viel Zeit gelassen dieses Testament zu schreiben. Möge es den Exilanten ein Licht sein in tiefer Dunkelheit."
    Das Kästchen enthielt eine Schreibfeder und drei von dem exilantischen Siegel verschlossene Papiere.
    "Ich habe lange darüber nachgedacht wem ich meinen letzten Willen anvertraue und habe mich für Euch entschieden. Sofern Ihr willens seid fällt Euch die Aufgabe zu dieses Schriftstück aufzubewahren bis zu dem Zeitpunkt, da ich aus dieser Welt scheide und vor den Eynen trete. Erst an jenem Tage sollen die Siegel gebrochen und der Inhalt verkündet werden."
    Der Protekor blickte zu seinen Gästen. Seine Gesichtszüge entspannten sich ein wenig, als sei eine Last von ihm genommen, die er wochenlang mit sich geschleppt hatte.

    Die eiligen Schritte hallten auf dem Steinfußboden der Großen Halle wieder und kündeten den Verwalter Galwine Camdagnir an, bevor man seine hochgewachsene Gestalt erblickte. Bruder Vitus war bereits eingetroffen und stand vor der schweren Tür, die zu der Amtsstube des Protektors führte. Ein Mann stand bei ihm, in grünem Gewand, ein Bediensteter der offensichtlich die Ankunft Beider erwartet hatte. Er neigte seinen Kopf zur Begrüßung "Seid gegrüßt Herr Verwalter.", er machte eine einladende Geste ihm zu folgen und schritt auf die Tür zu. "Der Protektor erwartet Euch." Geradezu zaghaft klopfte er an und drückte die anschließend die Klinke herunter, um die Tür zu öffnen.
    "Der Herr Verwalter Galwine Camdagnir und der Herr Medikus Bruder Vitus."


    Eine schlanke Gestalt stand am breiten Fenster der Amtsstube, von dem aus man eine herrliche Aussicht über das aufgewühlte Meer hat. Als die Beiden hereintraten löste sie sich aus ihrer gedankenverlorenen Haltung und drehte sich den Gästen zu. Es war der Protektor, Valentin aus Exilia. Er trug wie gewohnt seine Amtskleidung, die weißen Kniestrümpfe, grüne Hosen und die Weste über dem feinen weißen Hemd. Einzig an den Anblick des Hutes hatten sich Einige noch nicht gewöhnt: Das grün-weiße Barret hatte der Protektor am Valentinstag, dem Fest zu Ehren der Ernennung des zweiten Protektors Exilias, abgelegt und seinen neuen Hut präsentiert, welchen er fortan als Herrschaftsinsignie trug. Es handelte sich dabei um eine aufragende Kappe aus grünem Filz mit langen Schläfenteilen und einem Spruchband über der Stirn.
    "Bitte setzt Euch doch."
    Galwine, der hier täglich ein und aus ging um sich mit dem Protektor über die laufenden Geschäfte abzustimmen, waren die Amtsräume vertraut und auch Vitus war hier häufiger zu Gast um sich mit seinem Ordensbruder zu unterhalten. Valentin wies zu den Stühlen unmittelbar vor dem großen Schreibtisch, welcher in der Mitte des Raumes postiert war. Er selbst nahm auf dem hölzernen Stuhl dahinter Platz. Nach einer höflichen Begrüßung erkundigte er sich zunächst bei seinem Verwalter über den Fortschritt der Bauarbeiten der Holzfällerenklave, anschließend erbat er von seinem Bruder einen kurzen Bericht von der Krankenstube des Protektorats.

    Die Stürme des Winters waren vorüber, eisige Winde waren Frühjahrsgewittern gewichen. Ein sanftes Grau verhüllte den Himmel, am Horizont kündigte sich bereits der nächste Schauer an. Das rastlose Meer trieb gemächlich dahin und rollte mit gleichbleibenden Rhythmus gegen die Klippen.


    Valentin, der Protektor Exilias, stand am Fenster seiner Amtsstube und blickte auf dieses Treiben weit unterhalb der Siedlung. Er war in Gedanken versunken.


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    Etwa zur gleichen Zeit eilten zwei Bedienstete, in grün gekleidet, die Gänge der Großen Halle entlang und hinaus über die breiten steinernen Stufen des Eingangsportals in Richtung des Marktes davon. Beide Burschen trugen die gleiche Botschaft mit sich: Der Empfänger möge sich unverzüglich in den Amtsräumen des Protektors einfinden.
    Geschwind eilten die Boten durch die Straßen und Gassen der Stadt und es dauerte nicht lange bis der jeweilige Empfänger gefunden war: Galwine Camdagnir, seines Zeichens Verwalter des Protektorats Exilia und Bruder Vitus, der Ordensbruder des Protektors.

    Ein hölzernes Klopfen drang an die Ohren der Besatzung. Zaghaft, so als würden die Wellen mit Bedacht an der Bordwand anklopfen um freundlich eingelassen zu werden. Doch es waren nicht die Wellen... - Stille.
    Jaans Pockengesicht, eben noch auf Supp gerichtet, wandte sich dem Wasser zu.
    Tok - Tok - Tok.
    Da war es wieder. Zu ihren Füßen, unterhalb der Planken. Die Männer warfen sich Blicke zu. Man zuckte Ratlos mit den Schultern, Einige suchte nervös und ängstlich die Wasseroberfläche ab.
    Auf einmal erstrahlte das Meer ringsherum in einem Leuchten. Aus den Tiefen der dunklen Wellen drang ein Licht hervor - nein mehrere Lichter, die zu einem einzigen verschmolzen.
    Etwas schlug gegen die Bordwand und ließ das Boot erschüttern. Einer fiel um und stieß sich den Kopf, ein Zweiter konnte sich am Mast festklammern, stieß dabei jedoch einen der Holzeimer um.


    Vorsichtig ging einer der Männer, ein drahtiger Kerl mit hoher Stirn, zur Reling und beugte sich langsam vor um zu schauen, was passiert war. Holz knackte, ein erstickter Schrei wollte sich aus dem Munde des Mannes winden doch dazu kam es nicht mehr: Schlagartig wurde sein Kopf von den Schultern gerissen. Blut spritzte aus den Resten des Halses als der leblose Torso zurück ins Boot kippte. Die Umstehenden wurden besudelt, die rote Flüssigkeit breitete sich schnell auf den hölzernen Planken aus.
    Vor Schreck erstarrt richteten sich die Blicke der Besatzung auf das grausige Schauspiel. Ein zweites Mal knackte das Holz der Bordwand, dann - ganz langsam - kam eine Klaue zum Vorschein, die über die Reling tastete.